Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zehnter Jahrgang. 1894. (35)

228  Bie  Geseerreichisch-Angarische  Meonarchie.  (September  17.)

teilhaftig  werden  würden.  Die  von  dem  Pe  Delegierten  Dr.  Pacak  gestellte
  Frage,  ob  das  von  mir  hinsichtlich  der  Balkanstaaten  aufgestellte
Prinzip  der  Nichteinmischung  noch  gelte,  kann  ich  auf  das  Bestimmteste
dahin  beantworten,  daß  dasselbe  noch  unverändert  in  Kraft  steht  und  daß
es  fortdauernd  unser  Wunsch  ist,  daß  die  Balkanwölker  sich  auf  der  Basis
des  Berliner  Vertrags  selbständig  entwickeln  und  die  Einmischung  einer
fremden  Macht  in  ihre  inneren  Verhältnisse  nicht  stattfinde.  Dies  gilt  von
Bulgarien  ebenso  wie  von  Serbien.  Mit  letzterem  Lande  eine  Militärkonvention
  einzugehen,  ist  uns  nie  eingefallen.  Dergleichen  hat  allerdings
in  den  Zeitungen  gestanden,  dort  steht  aber  vieles,  so  z.  B.  auch  die  Unterredungen
  mit  dem  russischen  Finanzminister  Witte.  Wie  käme  aber  ich
dazu,  auf  solche  unbeglaubigte  Aeußerungen  zu  replizieren,  von  welchen
der  Herr  Delegierte  Dr.  Pacak  sogar  meint,  daß  sie  als  „offiziell“  anzusehen
  seien!?  Eine  weitere  Frage  desselben  Herrn  Delegierten  bezieht  sich
auf  Bosnien.  Er  hat  sich  auf  in=  und  ausländische  Zeitungsstimmen  berufen,
  in  welchen  —  namentlich  in  den  südslavischen  —  diese  Frage  in
dem  Sinne  besprochen  wurde,  daß  die  Annexion  Bosniens  unmittelbar  bevorstehe.
  Darauf  kann  ich  ihm  nur  die  Antwort  geben,  daß  von  einer
Aenderung  des  staatsrechtlichen  Verhältnisses  Bosniens  zur  Monarchie  in
maßgebenden  Kreisen  nicht  gesprochen  wurde  und  daß  die  Regierung  keinen
Anlaß  hatte,  sich  mit  dieser  Frage  zu  beschäftigen.  Ich  muß  endlich,  obwohl
  ich  es  nicht  gerne  thue,  auch  auf  einige  Bemerkungen  zurückkommen,
welche  der  Herr  Delegierte  Dr.  Pacak  gemacht  hat.  Natürlich  werde  ich
den  Dreibund  nicht  verteidigen,  denn  ich  kann  mich,  wie  der  Herr  Delegierte
Lupul  es  ausgesprochen  hat,  auf  seine  Resultate  berufen.  Es  läßt  sich  allerdings
  alles  bekritteln,  gegen  alles  etwas  einwenden.  Dem  Geist,  der  alles  verneint,
  wird  man  es  nie  recht  machen  können.  Von  jungtschechischer  Seite  wurde
allerdings  diesmal  ein  entgegenkommenderer  Ton  angeschlagen,  als  in  den
Vorjahren.  Aber  die  Negation  war  auch  heute  das  erste  Wort,  womit  der
Ferr  Delegierte  Dr.  Pacak  seine  Rede  eingeleitet  hat.  Dagegen  gibt  es
eine  überzeugende  Beweisführung.  Ich  kann  nur  eines  wiederholen:  die
Tschechen  partizipieren  ebenso  an  den  Vorteilen  und  Segnungen  des  Friedens,
  die  ja  doch  —  die  Jungtschechen  mögen  sagen,  was  sie  wollen  —
auf  die  von  ihnen  befehdete  Bundespolitik  zurückzuführen  sind,  wie  die  anderen
  Völker  der  Monarchie.  Wir  müssen  bitten,  sich  vorläufig  damit  zu
begnügen.  Vielleicht  wird  einmal  in  einer  Zeit  eine  andere  Politik  am
Platze  sein,  aber  hierauf  können  wir  uns  nicht  einlassen.  Wir  haben  es
mit  der  Gegenwart  zu  thun  und  werden  unverrückbar  an  der  eingeschlagenen
und  bewährten  Richtung  festhalten.  Gewiß  ist  der  Friede,  wie  wir  ihn
jetzt  haben,  nicht  das  Ideal  eines  Friedens!  Es  ist  ein  bewaffneter  Friede
und  wird  noch  geraume  Zeit  ein  solcher  bleiben  müssen,  weil  für  die  Erhaltung
  des  Friedens  sichere  Garantien  vorhanden  sein  müßten,  wenn  man
das  Schwert  beiseite  legen  wollte.  Wenn  die  großen  Ausgaben  für  Militärzwecke
  immer  wieder  beklagt  werden,  und  wenn  man  fieht,  wie  Friedenskongresse
  auf  Beseitigung  der  Kriegsgefahr  und  auf  Einstellung  der  großen
Rüstungen  hinwirken,  so  ist  es  vielleicht  hier  am  Platze,  darauf  hinzuweisen,
  daß  die  immer  wiederkehrenden  Alarme  und  Erschütterungen  des
Vertrauens  in  den  Frieden,  die  wieder  zur  Fortsetzung  der  Rüstungen
führen,  nicht  auf  die  Regierungen  zurückzuführen  sind.  Es  gibt  keine  Regierung
  in  Europa,  die  nicht,  wenn  Kriegsbefürchtungen  entstehen,  sofort
ihr  Möglichstes  thun  würde,  die  Beunruhigungen  zu  zerstreuen  und  die
aufgetauchten  Besorgnisse  zu  beschwichtigen.  Wenn  wir  nun  der  Sache  nachgehen,
  so  können  wir  trotz  der  größten  Anerkennung  für  die  Freiheit  der
Presse  uns  nicht  verhehlen,  daß  jene  oft  auf  ganz  unbedeutende  Vorfälle