Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

186  Erwin  Nasse.  186

In  noch  viel  verhängnißvollerer  Weise  war  die  andere  Schranke  übertriebener
  Preissteigerungen  während  der  Jahre  1871—73  in  den  vorzugsweise
  maßgebenden  Ländern  beseitigt.  Deutschland,  Oesterreich,  die  Vereinigten
  Staaten,  Frankreich  befanden  sich,  was  ihr  Geldwesen  angeht,
in  durchaus  abnormen  Verhältnissen.  —  An  allen  Orten  der  Welt
kaufte  die  französische  Regierung  Wechsel  auf  aus  Deutschland,  um
die  fünf  Milliarden  zu  berichtigen.  Das  edle  Metall  strömte  in
Folge  der  günsligen  Wechselkurse  nach  Deutschland,  wie  viel  auch  an
auswärtigen  Waaren  Deutschland  damals  beziehen  mochte,  wie  gehemmt
  auch  durch  die  hohen  Löhne  und  Preise  aller  Waaren  die  deutsche
Ausfuhr  war.  Ohne  diesen  Umstand  hätten  wir  spätestens  1872  eine
empfindliche  Geldkrisis  gehaht,  die  dem  ganzen  Schwindel  ein  zeitiges
Ende  bereitet  hätte.  Aber  Deutschland  glich  einem  Kranken,  dem  eine
tüchtige  Transspiration  eine  heilende  Krisis  bringen  würde,  dem  man  aber
alle  Poren  mit  Oel  gesalbt  und  verschlossen  hat.  Oesterreich  aber  und
die  Vereinigten  Staaten  hatten  Papierwährung.  Das  Cirkulationsmittel
konnte  dort  nicht  abströmen  und  die  natürliche  Heilkraft  deshalb  ebenfalls
sich  nicht  geltend  machen.  Für  England  aber,  welches  von  den  Großstaaten
  neben  Deutschland  allein  sich  des  Metallgelds  bediente,  kam  in
Betracht,  daß  es  doch  auch  seinen  Antheil  an  dem  Goldstrom  bekam  und
vor  Allem,  daß  so  viele  andere  Länder,  die  zusammen  den  weitaus  größten
Theil  der  civilifirten  Welt  ausmachten,  ihm  weder  Gold  noch  Silber  in
größeren  Quantitäten  abzunehmen  in  der  Lage  waren,  weil  in  ihnen  das
Metallgeld  durch  ein  entwerthetes  Papiergeld  verdrängt  war.

Nur  diese  Umstände,  Milliardenzahlung  und  Papierwährung  im
größten  Theil  der  Welt,  erklären  unseres  Erachtens,  daß  das  Gleichgewicht
der  Preise  verschiedener  Waarengattungen  und  verschiedener  Länder  so
gründlich  hat  gestört  werden  können,  wie  es  1871—73  geschehen  ist.  Sie
haben  die  Wirkung  der  natürlichen  Korrektive  unhaltbarer  Preissteigerung
verhindert.

Unter  diesen  Verhältnissen  konnten  auch  die  Centralbanken  ihre  Aufgabe,
  die  Wirkung  dieser  Korrektive  zu  vermitteln  und  rechtzeitig  fühlbar
zu  machen,  nicht  erfüllen.  Der  Andrang  nach  stärkeren  Diskontirungen  und
das  Verkehrsbedürfniß  nach  vermehrten  Zahlungemitteln,  die  Erscheinungen,
in  denen  die  Bankverwaltungen  die  Gesundheit  und  Solidität  der  gewerblichen
  Thätigkeit  sonst  mit  Recht  zu  messen  pflegen,  stand  diesmal  ganz
außer  Verhältniß  zu  der  übertriebenen  Unternehmungslust  und  Preissteigerung.
  Es  betrug  bei  der  Bank  von  England

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von  1844—56  das  in  England  cirkulirende  Gold  um  etwa  50—60  Procent,  von  etwa
46  Millionen  Pfund  Sterling  auf  circa  70  Millionen  vermehrt  sei  und  diese  Vermehrung
  fiel  ganz  überwiegend  in  die  zweite  Hälfte  des  Jahrzehnts.  In  Frankreich
wurden  von  1850—60  für  circa  4000  Millionen  Franks  Gold  geprägt  und  wenn
auch  dafür  ein  großer  Betrag  von  Silbermünzen  das  Land  wieder  verlassen  hat,
so  ist  doch  auch  für  Frankreich  kein  Zweifel,  daß  das  umlaufende  Metallgeld  in  jener
Periode  einen  außerordentlichen  Zuwachs  gegiel.  Daher  konnte  auch  dort  der  Aufschwung
  des  Verkehrs  und  die  Erhöhung  der  Preise  fast  ohne  verstärkte  Benutzung  des
Banknotencredits  stattfinden.