— 288 —
v. SYBEL meinte, nur an dieser oder jener Stelle, sondern überall.“ — Gerade
das Verhältnis, dass das Präsidium ein preussisches Sonderrecht ist, nennt
SEYDEL ein starkes Kennzeichen des Staatenbundes. Dass vor SeYper's Kritik
die in der jüngsten staatsrechtlichen Litteratur mehrmals aufgestellten Behauptungen
über ein kaiserliches Veto, eine kaiserliche Gesetzgebungsinitiative,
über ein kaiserliches Recht zur Schaffung eines Reichsadels etc. nicht
bestehen können — „staatsrechtliche, aber auch politische Thorheiten, wie
sie nur in der Studierstube ausgeheckt werden“ (vgl. kritische Vierteljahrsschrift
für Gesetzgebung etc. 1896 S. 590 u. ff.) — mag nebenbei erwähnt
werden.
Es würde den gesteckten Rahmen überschreiten, wenn wir — ganz abgesehen
von wichtigen Detailfragen — SeyYpEv’s Darstellung der eigenartigen
Stellung des Reichskanzlers, welcher der preussischen Staatsregierung angehören
müsse, den Abschnitt „Die Forderung von Reichsministerien und deren
Unvereinbarkeit mit der Reichsverfassung* — SEYDEL hält die Errichtung
eines Reichsministeriums theoretisch mit der Souveränität der Bundesglieder
vereinbar, worin wir nicht ganz zustimmen können —, die Darlegung
über das Gesetzgebungs- und Verordnungsrecht des Reiches etc. hier erörtern
wollten. Häne, LABAnD u. a, werden sich in ihren Systemen des deutschen
Staatsrechtes eingehend mit SEYDEL auseinandersetzen müssen; wir glauben,
dass sie, sofern sie nicht die Souveränetät aus dem Staatsbegriffe eliminieren,
SEYDEL’s staatsrechtliche Konstruktion nicht widerlegen werden. Möge
SErDEL’s Kommentar (vorerst Art. 1—32 umfassend) zur grösseren Annäherung
der Staatsrechtswissenschaft an die Thatsachen und an die Urteile der
Politiker und Historiker beitragen.
Augsburg. Grassmann.
Dr. phil. Albert v. Ruville, Das Deutsche Reich ein monarchischer
Einheitsstaat. Beweis für den staatsrechtlichen Zusammenhang
zwischen altem und neuem Reich. Berlin, J. Guttentag, 1894. Gr. 8.
VI und 294 S. 6 Mk.
Das vorliegende Buch entwickelt in der Hauptsache folgenden Gedankengang.
Indem Franz II. im Jahre 1806 die Kaiserwürde niederlegte, vollzog
er einen rein persönlichen Akt, welcher auf das Fortbestehen des Reiches
‘keinen Einfluss hatte. Auch dass die Fürsten sich diesem Akte gegenüber
schweigend verhielten und insbesondere keine Neuwahl vornahmen, ändert an
der Thatsache nichts, dass das Reich nach wie vor rechtlich bestehen blieb.
In der That suchte man, sobald sich die Möglichkeit einer Fürstenversammlung
bot (Wiener Kongress), das Reich auch in äusserer Gestalt wiederherzustellen.
Nur gelang diese Wiederherstellung zunächst nicht, und man begnügte sich
damals mit der Konstituirung eines Fürstenbundes, wie er dem Reichsrecht
nicht widersprach und auch auf dem Boden des alten Reichs vorgekommen
war. Alles dieses bedeutete keinerlei staatsrechtliche Verschiebung. Eine