Full text : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

A.  Die  freie  Berufswahl  unb  ihre  Mängel.  309

heute  erfolgt,  näher  ins  Auge  faßt.  Zweierlei  ist  es,  was  den
herrschenden  Buständen  auf  dem  Gebiete  der  Berufswahl  das  Gepräge
  gibt.  Die  Zuführung  der  Jugendlichen  zu  irgendeinem  Beruf
ist  losgelöst  von  aller  Tradition,  und  sie  geschieht  ferner  ohne  irgendwelche
  nähere  Kenntnis  des  Jugendlichen  von  dem  zu  ergreifenden  Beruf,
  ohne  besondere  Prüfung  seiner  Neigung  und  Befähigung,  das  heißt
also,  eine  eigentliche  Wahl  findet  nicht  statt.  Das  ist  eine  natürliche
Folgeerscheinung  der  vollständigen  Umwandlung,  die  in  der  Fabrikation
  eingetreten  ist.  Die  Veränderungen  der  Technik  und  die
Konzentration  des  Gewerbebetriebes  haben  diesen  von  der  engen
Verbindung  mit  der  Hausgemeinschaft  losgelöst  und  ihn  damit  dem
Gesichtskreise  der  Familie  entrückt.  Dies  gilt  im  allgemeinen  ebensowohl
  für  die  eigentliche  industrielle  Fabrikation  wie  für  die  Mehrzahl
der  kaufmännischen  Geschäfte  und  zu  einem  erheblichen  Teile  au
für  die  größeren  Handwerksbetriebe.  Ein  enger  Konnex  besteht  in
der  Regel  nur  noch  beim  Kleinhandwerk  und  bei  den  kleinen  kaufmännischen
  Geschäften.  Nur  hier  besteht  daher  im  allgemeinen  noch
die  Möglichkeit  einer  traditionellen  Berufszuführung,  wie  sie  früher
in  weitestem  Umfange  sich  fand.  Zu  einer  Zeit,  als  sich  das  Berufsleben
  des  Familienvaters  zum  größten  Teile  vor  den  Augen  der
Familie  abspielte,  als  alle  mehr  oder  weniger  daran  teilnahmen,
sich  für  die  Einzelheiten  interessierten  und  eine  lebendige  Anschauung
von  dem  Umkreise  der  Funktionen  gewannen,  ergab  es  sich  ganz  von
selbst,  daß  einer  oder  auch  mehrere  der  Söhne  den  Beruf  des  Vaters
ergriffen.  Sie  wuchsen  ja  gewissermaßen  in  diesen  hinein.  So
bildeten  sich  auch  gewisse  Familientraditionen,  nach  denen  zum
mindesten  ein  Sohn  sich  dem  Gewerbe  des  Vaters  widmete  und  später
den  Betrieb  übernahm.  Es  würde  zu  weit  führen,  hier  die  Bedeutung
  dieser  oft  Jahrhunderte  alten  Handwerkstraditionen  zu
erörtern,  das  ruhmreiche  Wirken  ganzer  Geschlechter  von  tüchtigen
Meistern  zu  schildern.  Die  Vorzüge  derartiger  Traditionen  für  die
kraftvolle  Entwickelung  blühender  Geschlechter  wie  auch  für  die  technische
  und  künstlerische  Förderung  einzelner  Handwerkszweige  liegen
klar  auf  der  Hand.  Es  ist  einer  der  größten  Verluste  für  die  Kultur
unserer  Zeit,  daß  die  Kraft  und  Tüchtigkeit,  die  der  Einzelne  aus
derartigen  Traditionen  für  sich  gewann,  in  Zukunft  ungehoben  bleibt.
Heute  hat  der  größte  Teil  unserer  Volksschuliugend  kaum  einen  Begriff
  von  der  Beschäftigung  des  Vaters,  ganz  zu  schweigen  von  einer
lebendigeren  Anschauung.  Nicht  nur  die  Trennung  des  Berufslebens
vom  Familienleben  hat  diese  Wirkung  nach  sich  gezogen.  Auch  der
Umstand,  daß  der  Vater  meist  nur  Teil  eines  großen,  komplizierten
Ganzen  ist,  daß  er  kein  ganzes  Werk,  sondern  nur  Teilst  tücke  bearbeitet,
  macht  es  ihm,  abgesehen  davon,  daß  er  selbst  oft  die  innere
Fühlung  mit  seiner  Arbeit  verliert,  schwer,  den  Kindern  einen  Begriff
  davon  zu  vermitteln.  Eine  Tradition  der  Berufszuweisung
gibt  es  also  heute  in  der  Regel  nicht  mehr.

Dieselben  Gründe,  die  sie  ausschließen,  bewirken  aber  auch,  daß
nicht  nur  das  Gewerbe  des  Vaters,  sondern  auch  das  gewerbliche
Leben  überhaupt  in  weitem  Umfange  keinen  innerlich  bei  der  Berufs-