Dr. Kühne, Grundfragen der Berufserziehung. 361
um so weniger genügte diese Ausbildung. Schon aus rein wirtschaftlichen
Gründen gingen daher einzelne Werke zur eigenen Ausbildung
von Facharbeitern über, die sie von vornherein für den
Maschinenbetrieb in zweckentsprechender Weise vorbereiteten. Neuerdings
wird sich die Großindustrie, insbesondere der Maschinenbau,
der Pflicht bewußt, für eine genügende Ausbildung der Facharbeiter
zu sorgen, die sie im eigenen Betriebe gebrauchen, und es ist zu
hoffen, daß auch andere Zweige, namentlich die Möbelindustrie, die
darin noch am meisten zurückzustehen scheint, bald nachfolgen werden.
Für den kaufmännischen Beruf besteht die Lehre seit alters
her und hat sich als Grundlage der Ausbildung im ganzen bewährt.
Englische Beobachter schreiben die großen Erfolge des deutschen
Kaufmanns vor allem der gediegenen Ausbildung während der
Lehrzeit zu. Auf der anderen Seite werden gerade in neuerer Zeit
die Mängel der Ausbildung lebhaft beklagt und ähnliche Maßregeln
wie für das Handwerk gefordert. Die Frage ist noch nicht spruchreif;
man darf nicht übersehen, daß für das Ergebnis der kaufmännischen
Ausbildung kein so objektiver Maßstab vorhanden ist, wie
es die Anfertigung eines Werkstücks bietet. Immerhin werden die
Erhebungen, die man mit der obligatorischen Einführung der
Lehrlingsprüfung in einzelnen Schweizer Kantonen gemacht hat,
als günstig bezeichnet.
Anders liegt die Frage, ob eine Ergänzung der praktischen
Lehre durch die Schule notwendig ist, ob die Fortbildungsschule
einem Bedürfnis entspricht. In früherer Zeit verhielt sich die
Praxis vielfach ganz ablehnend, besonders wenn die Schulzeit in die
Tagesstunden gelegt werden sollte. Das ist aber während der letzten
Jahre wesentlich anders geworden. Zuerst die Kaufmannschaft, dann
auch Handwerk und Industrie erkannten, daß die modernen Verhältnisse
eine bessere theoretische Ausbildung nach der technischen wie
geschäftlichen Seite hin erfordern, die die Lehre in der Regel nicht
zu geben vermag. Je mehr die Fortbildungsschule zu einer Berufsschule
sich umbildete, um so mehr vermochte sie die berufliche Ausbildung
zu fördern, die praktische Lehre zu ergänzen.
3 Ziel der Schule ist, an ihrem Teile die jungen Menschen
zu denkenden, pflichtbewußten Arbeitern zu erziehen. Die Schulen
werden, soweit als irgend möglich, beruflich gegliedert. In den
Klassen der Handwerkslehrlinge werden Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen-
und Arbeitsvorgänge besprochen, Fachzeichnen und Preisberechnungen
gelehrt, Geschäftsbriefwechsel und Buchführung behandelt.
Für die Kaufmannslehrlinge fallen die technischen Stoffe
weg, dafür wird die Geschäftskunde ausführlicher behandelt, während
diese für die Fabriklehrlinge mehr zurücktritt. Selbst für die unelernten
Arbeiter bildet die Arbeit in Fabrik und Verkehr den
ittelpunkt des Unterrichts. Für alle Schüler bieten zugleich die
Stoffe des Berufs den besten Ausgangspunkt für die staats.
bürgerliche und allgemeine Erziehung; an ihnen wird gezeigt, daß
durch die Berufsarbeit nicht nur der Vorteil des Einzelnen, sondern
auch das Wohl der Gemeinschaft, des Staates, gefördert werden