lange her, daß Osterreichs starker Dichter, Grillparzer, über den
fortschreitenden Zeitgeist schrieb: „Die ganzee Welt wird durch den
neuen Umschwung (nach der französischen Julirevolution 1830)
sich erkräftigen, nur Osterreich wird daran zerfallen. Der schändliche
Macchiavellismus der Leiter, die, damit die Herrscherfamilie
das einzige Staatsband ausmacht, die wechselseitige Nationalabneigung
der Provinzen hegten und nährten, hat indes die
Schuld. Der Ungar haßt den Böhmen, dieser den Deutschen, und
der Italiener sie alle zusammen; und wie widersinnig gekuppelte
Pferde werden sie sich in alle Welt zerstreuen, wenn der fortschreitende
Zeitgeist die Gewalt des klammernden Joches schwächt
oder bricht.“ Freilich vollziehen sich solche historischen Prozesse nur
langsam, rechnen nicht nach Jahren, sondern nach Menschenaltern,
und noch hält Ehrfurcht vor dem ehrwürdigen alten Herrn in der
Hofburg auf der Fahrt des gemeinsamen Staatswagens die schlecht
gekuppelten Pferde bei der Stange. Aber die Aufgabe wird
schwerer mit jedem Jahr. In Böhmen nimmt der Nationalitätenkampf
kein Ende. Der Jungtschechenführer Kramarsch, der unter
der Ara Badeni zweiter Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses
war, nennt den Dreibund ein abgespieltes Luxusklavier,
zu schade, um schon auf den Boden gestellt zu werden, aber
zu abgenutzt, um noch darauf zu spielen. In Ungarn, wo sich
die madjarische Herrschaft gegen die rumänischen, deutschen, kroatischen
Elemente mit großer Energie und nicht ohne Härte befestigt
hat, trachten Unabhängigkeitsfanatiker, die beste Klammer, die dem
Kaiser und König zu Gebote steht, das gemeinsame Heer, zu
lockern und zu lösen. Die italienische Irredenta steigt in ihren
Ansprüchen bis zum „Brennero“ hinauf und fordert lärmend eine
eigene Hochschule. Alles, was auseinanderstrebt, findet in Paris
offene Sympathie und geheime Unterstützung.
Während uns vor dem erstaunt aufmerkenden Ausland hohe
Gedanken, von einem Weltimperium des germanischen Geistes,
vom Dreizack in unserer Faust und vom deutschen Arm, der bis
in die entferntesten Teile der Erde langt, so oft verkündet werden,
kommen allmählich die stillen Riffe zum Vorschein.
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