358 Jugendideale
„gesinnungstüchtiger“ und, wenigstens der Form nach, minder
sentimental. Hatte es früher genügt, einen Politiker als pflichttreu
zu verehren, wenn er der Regierung widersprach und Hindernisse
in den Weg legte, so mußte er jetzt, wenn er Anspruch auf volle
Hochachtung haben sollte, Republikaner sein und nebenbei von
Prinzips wegen die Kreuze aus der Erde reißen und zu Schwertern
umschmieden wollen. Hatte man sich anfänglich an „Freiheit, die
ich meine,“ erbaut, dem „lieblichen Engelsbild,“ das „seinen Reigen
nur am Himmelszelt führte,“ so sang man jetzt, freilich ohne sich
Praktisches dabei zu denken: „Im Myrtenzweig will ich tragen das
Schwert wie Harmodius und Aristogiton,“ und sah in Danton und
Robespierre, freilich ohne deren wahren geschichtlichen Charakter zu
kennen, Heroen, die als Vorbilder dienen konnten.
Auf der Universität hatte diese Verstandes- und Gemütsver—
fassung keine wesentliche Anderung erfahren. Neben meiner Fachwissenschaft
und studentischem Sport trieb ich während dieser Jahre
in der innern Verbindung der Leipziger Markomannia ungefähr wie
auf der Schule Politik und — eine Zeit lang unter der Leitung
Wuttkes, des demokratischen Querkopfs — Geschichte, lernte aus
Broschüren und Zeitungen etwas mehr von den Verhältnissen draußen
und von dem kennen, was die Agitation für einen Umschwung
darin vorhatte, freute mich an den Siegen, die die Liberalen gelegentlich
in den kleinen deutschen Landtagen erfochten, und an den
theatralischen Demonstrationen, die außerhalb davon von den Führern
in Szene gesetzt wurden, und erhoffte inbrünstig den baldigen Anbruch
der Zeit, die uns vergönnen sollte, Größeres zu sehen und
dabei zu helfen.
Nachdem ich meine Studien beendigt hatte, war ich in Leipzig
in Verbindung mit den Leuten geblieben, die vorher bei den Markomannen
als ältere Freunde und Mentoren gewirkt hatten. Allwöchentlich
nahm ich an den Beratungen der famosen Sonnabendsgesellschaft
in Stolpes Restauration, wo Robert Blum und Ruge
den Vorsitz führten und ihre politische Weisheit vortrugen, als
lernbegieriger Zuhörer teil. Mit Jäkel, der sich St. Just zum
Muster gewählt und sich durch seinen blauen Rock bei der Dresdner
Cour einen Namen gemacht hatte, schloß ich Freundschaft. Nach
den Märztagen von 1848 genoß ich im „Vaterlandsvereine"“ weitere