Full text : Sagenbuch des Königreichs Sachsen

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mancher,  der  nachts  von  Gaußig  nach  Aeukirch  wanderte,  will  sie
gesehen  haben,  wenn  sie  unter  schmerzlicher  Gebärde  mit  ihren
schönen  weißen  Fingern  nach  dem  Halse  zeigten,  wo  an  der  Stelle
der  Hagebuttenkette  der  rote  Blutstriemen  des  Henkerschwertes  sicht—
bar  war.  Einst  kehrte  ein  Musikant,  der  in  Gaußig  zum  Tanze
aufgespielt  hatte,  mit  einer  Tasche  voll  harter  Taler  nachts  nach
ANeukirch  zurück.  Als  er  auf  dem  gewöhnlichen  Fußwege  über  die
Bergwiese  hinangestiegen  war  und  nun  mutterseelenallein  das  Dunkel
des  Waldes  betreten  mußte,  in  welchem  nicht  weit  abseits  zur  Linken
das  Raubschloß  liegt,  zog  er  vorsichtigerweise  seinen  A#chfänger  oder,
wie  die  Oberlausitzer  sagen,  den  „Eibögrich“  (das  Mlesser  zum  Einbiegen,
  Zusammenklappen)  aus  der  Tasche.  Alit  gemessenen  Schritten
ging  er  vorwärts.  Da  auf  einmal  ließ  ihn  der  Schreck  wie  erstarrt
stehen  bleiben,  denn  auf  dem  schmalen  Waldwege,  unweit  der
Kreuzung,  Kkam  ihm  eine  weißverschleierte  weibliche  Gestalt,  der
ein  großer  Jagdhund  folgte,  entgegengewandelt.  Deutlich  erkannte
er  beim  Licht  des  letzten  Mondviertels,  welches  matt  durch  das
Gezweig  schimmerte,  daß  das  Wesen  nach  der  Tracht  der  Gewänder
ein  Burgfräulein  vom  Gichelsberge  war.  Bäher  und  näher  schwebte
es  heran.  Jetzt  sah  er  die  Heckenröschen  in  dem  hellblonden  Haar,
jetzt  auch  den  roten  Ring  um  den  weißen  Hals.  Aur  noch  ein
Schritt,  und  er  fühlte  sich  von  einem  Arme  angestoßen.  In  demselben
  Augenbliche  fiel  der  Gestalt  der  Kopf  ab  und  zu  Boden.
Todesbleich  vor  Angst  dachte  der  Spielmann:  Was  wird  wohl  nun
geschehen?  Da  schrumpfte  vor  seinen  Augen  das  Phantom  zusammen,
wurde  immer  kleiner,  bis  es  sich  in  einen  leichten  Schemen  auflöste,
  der  in  der  NRichtung  nach  dem  Raucschlosse  entschwebte,
während  der  Hund  demselben  in  eiligstem  Laufe  nachsetzte.

254.  Die  Hand  am  Glockenstrang.

Pilk  im  „Sächsischen  Erzähler“  (Bischofswerda),  Belletristische  Beilage  vom
18.  August  1894.

In  Aeukirch  mußten  früher  Knaben  zur  Unterstützung  des
Glöckhners  das  Geläut  besorgen  helfen.  Unter  diesen  war  einer
Namens  Mierbach.  Derselbe  entleibte  sich  später  aus  Furcht  vor
einer  zu  erwartenden  Strafe  und  wurde  in  dem  südwestlichen  Winkel