Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

I.  Die  neue  Aera.  :337

sie  Mißtrauen  des  Herrschers  gegen  das  Volk  bekunde.  Wie
grundverschieden  war  doch  schon  danach  sein  ganzes  Wesen  von
dem  des  Bruders.  Jenes  geniale  Unregelmäßigkeit  in  der
Arbeit  kannte  er  nicht.  Spät  in  die  Geschäfte  eingeführt  —
zu  des  Vaters  Zeiten  war  er  ihnen  ganz  fern  geblieben  und
erst  als  Vierundvierzigjähriger  auf  Veranlassung  des  Bruders,
dem  er  einst  folgen  sollte,  in  sie  eingeführt,  hatte  er  sich
peinliche  Pflichttreue  und  Pünktlichkeit  auch  im  Kleinsten  angeeignet.
  Wo  jener  unbelehrbar  längst  als  unrealisierbar
erwiesene  Ideen  eigensinnig  festhielt,  lernte  er  aus  dem  Geschehenen,
  ließ  sich  überzeugen  oder  brachte  auch  seine  Ueberzeugung
  resigniert  dem  Wohl  des  Staates  zum  Opfer.  Bildsamkeit,
  Wahrhaftigkeit,  Ehrlichkeit  und  Selbstlosigkeit  treten
gleich  jetzt  als  die  vornehmsten  Züge  an  ihm  hervor.  Sie  imponierten
  auch  den  Gegnern.  Indem  er  die  ihm  durch  des
Bruders  Auftrag  gezogenen  engen  Schranken  peinlich  einhielt,
innerhalb  derselben  aber  keine  Antorität  neben  sich  duldete
und  daher  nicht  nur  den  Generaladjutanten,  dessen  „Intriguengeist“
  er  kannte,  ausschaltete,  sondern  auch  die  Angelegenheiten
des  königlichen  Hauses,  die  man  ihm  vorzuenthalten  versuchte,
für  sich  in  Anspruch  nahm,  gewann  er  selbst  der  Camarilla
Lob  für  seinen  Takt,  seine  Pietät,  sein  rücksichtsvolles  Benehmen
  und  überraschte  sie  dadurch,  daß  er  „ganz  negatiov,
keinen  Gedanken,  keine  Absicht  zu  erkennen  gab  und  keine
Velleität  beging“  Den  Herren  imponierte  die  vornehme  passive
Haltung,  mit  der  er  die  Unnatur  der  Lage  hinnahm  und
weder  dem  Ministerpräsidenten  noch  Edwin  v.  Manteuffel  widersprach
  und  es  ruhig  geschehen  ließ,  daß,  als  der  König  nach
Ablauf  der  drei  Monate  nicht  genesen  war,  am  6.  Jannar  1858
die  Stellvertretung  in  gleicher  Weise  auf  dieselbe  Zeit  erstreckt
wurde,  obgleich  er  eine  Vollmacht  auf  unbestimmte  Zeit  vorgezogen
  haben  würde.  Nach  Gerlach  waren  die  Rechte  des
Königs  jedoch  nicht  übertragbar.  Eine  Abdankung  aber  erschien
der  Camarilla  als  das  Schlimmste,  angeblich  wegen  ihrer  Anfechtbarkeit
  im  Falle  der  Genesung  des  Königs.  Das  Gleiche
wiederholte  sich  noch  zweimal,  obgleich  die  abnorme  Lage  selbst
Gerlach  das  Eingeständnis  abdrang,  wer  es  mit  dem  Lande
Prutz,  Preußische  Geschichte.  IV.  22