Full text : Bilder aus der letzten Kaiserzeit.

IV.  Theobald  von  Bethmann  Hollweg.

In  der  innern  Politik  war  die  schwerste  Aufgabe  aus
der  Hinterlassenschaft  des  vierten  Kanzlers  für  seinen  Nach--folger
  die  Einlösung  eines  Versprechens  in  einer  Thronrede,
  das  nokwendig  war,  um  die  Paarung  der  liberalen
Parteien  mit  den  Konservaliven  gegen  Zentrum  und
Sozialdemokratie  einigermaßen  haltbar  zu  machen.  Zwar
hatten  die  Konservativen  durch  ihre  Auflehnung  gegen  die
Erbanfallsteuer  den  Block  im  Reiche  zum  Zerfall  gebracht,
aber  die  Ausführung  der  in  jener  Thronrede  versprochnen
Reform  des  preußischen  Dreiklassenwahlrechts  wurde  nun
erst  recht  in  verstärktem  Maße  nicht  nur  von  den  Liberalen
und  Sozialdemokraten  geforderk,  sondern  auch  von  der
Zentrumsparkei  programmäßig  unterstützt.  Im  Laufe  der
Zeit  war  das  Dreiklassenwahlrecht  zum  preußischen  Abgeordnetenhause
  zu  einem  Monstrum  von  Widersinnigkeiten
  und  Absurditäten  entartel,  besonders  in  den  Großstädten.
  In  diesem  System,  das  die  indirektte  Wahl  der
Abgeordneten  durch  Wahlmänner  vorschrieb,  die  wieder
aus  Urwahlen  in  drei  Klassen  mit  öffentlicher  Stimmabgabe
  hervorgingen,  wurden  die  Stimmen  nur  nach  der
Steuerleistung  abgewogen.  Es  kam  vor,  daß  der  höchste
Beamte  des  Reiches  in  der  dritten  Wählerklasse  zu  wählen
hatte,  weil  er  in  einem  Urwahlbezirk  wohnte,  wo  die
Steuerleistung  weniger  Multimillionäre  die  Bildung  der

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