Full text : Geschichte der Hohenzollern.

Die  leidenschaftliche  Aufregung  des  Koͤnigs  gegen  seinen  Schwager  scheint
allen  bisher  noch  gerechter  Weise  herrschenden  Argwohn  über  die  Aufrichtigkeit
des  Wiener  Hofes  in  den  Hintergrund  gedrängt  zu  haben.  Im  Januar  1728
heißt  es  in  einem  Briefe  Friedrich  Wilhelms  1.  an  Seckendorf,  „daß  er  gar  nicht
wisse,  wo  er  genugsamen  Dank  hernehmen  soll  für  all  seine  Bemühungen,  durch
die  es  ihm  gelungen  sei,  den  Kaiser  selbst  und  dessen  vornehmste  Minister  ganz
zu  gewinnen  und  zu  favorabeln  Sentiments  gegen  ihn  zu  bringen!“  und  an
den  Kaiser:  „Wenn  den  Versicherungen,  welche  der  Graf  Seckendorf  an  Ew.
K.  Majestät  von  meiner  unveränderlichen  Ergebenheit  gethan,  noch  etwas  Mehreres
  hinzugefügt  werden  könnte,  so  wollten  Ew.  K.  M.  mir  erlauben,  daß  ich
solches  mit  treuem  patriotischen  Herzen  hinzufüge  und  Ew.  M.  in  vollkommener
Treue  und  Aufrichtigkeit  mein  königliches  Wort  gebe,  daß  nichts  jemalen  vermögend
  genug  sein  soll,  mich  im  Geringsten  von  demjenigen  abzulenken,  was
ich  Ew.  K.  M.  aus  so  vielen  und  starken  Considerationen  schuldig  bin,  und  bei
dessen  gewissenhafter  Erfüllung  ich  bis  an  mein  Grab  verharren  werde“.

Vergeblich  forscht  man  nach  einer  wirklichen  und  wohlbegründeten  Veranlassung
  dieser  vertrauensvollen  Zuversicht  des  Königs,  denn  dem  Wesen  nach  hatten
ihm  weder  der  Kaiser  noch  seine  Diener  irgend  etwas  mehr  als  früher  gewährleistet.
  Allerdings  war  ein  neues  Moment  in  die  Verhandlungen  eingetreten,
indem  der  Kaiser  zu  Gunsten  des  Hauses  Brandenburg  auf  das  Herzogthum
Berg  und  Ravenstein,  für  das  Haus  Pfalz-Sulzbach  auf  seine  Rechte  an  Jülich
verzichtete.  Wie  sehr  aber  auch  der  Kaiser  seine  Großmuth  hierbei  rühmte,  so
gab  dieser  Akt  doch  auf  keine  Weise  für  Preußen  eine  größere  Sicherheit,  da
sich  das  Haus  Pfalz=  Sulzbach  vor  den  Ansprüchen  des  Kaisers  nach  dem  oben
angeführten  Vertrage  vom  Jahre  1726  keinesweges  zu  fürchten  hatte.  Ganz
im  Gegentheil  konnte  Preußen  sich  etwas  von  seinem  guten  Rechte  vergeben,
wenn  es  auf  die  kaiserlichen  Ansprüche  ein  allzugroßes  Gewicht  legte.  Jeder
bestimmten  Verpflichtung  wich  Oestreich  mit  schlauem  Sinne  aus;  ja  als  der
Graf  Seckendorf,  von  den  preußischen  Unterhändlern  gedrängt,  in  einem  geheimen
  Artikel  dem  Könige,  im  Falle  wider  Verhoffen  die  Entscheidung  gegen  die
Absichten  des  Kaisers  und  Königs  ausfallen  sollte,  ein  Aequivalent  aus  des
Ersteren  eigenen  Besitzungen  versprochen  hatte,  wußte  er  durch  seinen  persönlichen
  Einfluß  auf  den  König  dahin  zu  wirken,  daß  er  diesem
einzigen  in  der  That  gewährleistenden  Punkte  entsagte  —  ein
neuer  schlagender  Beweis,  wieviel  der  kaiserliche  Minister  über  die  Person  des
Königs  und  seine  vertrautesten  Diener  vermochte.

So  kam  es  denn  am  23.  December  1728  zur  Unterzeichnung  des  sogenannten
  Berliner  Traktates,  der  im  Ganzen  nur  eine  Bestlätigung  der
Wusterhausischen  Bestimmungen  mit  der  oben  erwähnten  Hinzufügung  enthält.
Ilgen  war  wenige  Tage  zuvor  gestorben;  auf  ihm  lastet  also  wenigstens  nicht
der  Vorwurf,  daß  er  ohne  alle  Sicherheit  auf  eine  ganz  unbestimmte  Aussicht
Preußens  Macht  zum  Dienste  Oestreichs  verpflichtete.

.  25  ·