Full text : Das Staatsrecht des Königreichs Bayern.

362  Versammlungsbericht.

muß.  Man  darf  sagen,  daß  die  Fortbildungsschule  als  Ergänzung
der  praktischen  Ausbildung,  als  Berufsschule  für  die  Masse  der
arbeitenden  Bevölkerung  sich  durchgesetzt  hat.  Es  ist  bedenklich,  an
den  bewährten  Grundlagen  zu  rütteln  und  ihr  Aufgaben  zuzumuten,
die  sie  nach  ihrem  ganzen  Aufbau,  nach  der  zur  Verfügung  stehenden
Zeit  gar  nicht  zu  leisten  vermag.

Auf  die  viel  umstrittene  Frage,  ob  mit  der  Fortbildungsschule
Lehrwerkstätten  nach  Münchener  Muster  verbunden  werden  sollen,
will  ich  nicht  näher  eingehen,  auch  sie  ist  in  erster  Linie  eine  Frage
der  Kosten.  Es  ist  sicher,  daß  der  Untterricht  anschaulicher,  lebendiger
gestaltet  werden  kann,  wenn  er  sich  in  allen  seinen  Teilen  an  die
Lehrwerkstatt  anschließt.  Ebenso  sicher  ist,  daß  eine  Arbeitsfertigkeit
  bei  2—3  Stunden  woöchentlichen  Unterrichts  nicht  erreicht
werden  kann.  Lehrwerkstätten  sind  dann  nicht  notwendig,  wenn  die
praktische  Lehre  in  der  rechten  Weise  für  eine  allseitige,  planmäßige
Ausbildung  sorgt.  Für  die  schmückenden  Gewerbe,  wo  keine  besonderen
  kostspieligen  Werkstatteinrichtungen  notwendig  sind,
olche  Handwerke,  wo  bisweilen  die  Lehrlinge  in  der  Werkstatt  nur
Teilarbeit  ausführen,  wie  dies  z.  B.  im  Bekleidungsgewerbe  vorkommt,
  kann  schulmäßiger  Werkstattunterricht  sehr  zweckmäßig  sein.
Voraussetzung  ist  dabei  stets,  daß  geeignete  Fachleute  ihn  erteilen.

Trotz  mancher  Bedenken  und  Mängel,  die  der  Lehrlingsausbildung
  im  einzelnen  anhaften,  trotz  der  Schwierigkeiten,  die  die
moderne  Entwickelung  unverkennbar  für  sie  gebracht  hat,  wird  man
doch  im  ganzen  auch  jetzt  noch  die  praktische  Ausbildung  in  der  Lehre
als  die  geeignete  Form  der  Berufserziehung  ansehen  dürfen,  und
man  wird  alles  tun  müssen,  um  sie  nach  Möglichkeit  zu  stützen  und
zu  fördern.

Wenn  man  die  Lehre  als  Grundlage  der  Berufsausbildung  ansieht,
  so  lehnt  man  damit  ohne  weiteres  die  rein  schulmäßige  Vorbereitung,
  die  Lehrwerkstatt  als  Ersatz  der  Meisterlehre,  ab.  Sie
kann  unter  besonderen  Verhältnissen  notwendig  sein,  etwa  wenn  in
einer  Gegend  mit  Hausindustrie  eine  den  moderneren  Anforderungen
entsprechende  Ausbildung  in  der  Praxis  nicht  möglich  ist.  Im  allgemeinen
  wird  die  Gewöhnung  an  wirtschaftliches  Arbeiten,  die  Ausnutzung
  von  Zeit  und  Material,  die  Anpassung  an  die  Sädürfaiss
der  Praxis  in  der  Lehre  sicherer  erreicht  als  in  der  Schule.  Deshalb
habe  ich  auch  Bedenken  gegen  Handelsschulen,  die  die  Lehre  ganz
ersetzen  sollen,  wie  es  solche  im  Auslande  vielfach  gibt.  Ob  und
wie  weit  die  einjährige  Handelsvorschule,  die  die  Lehre  zum  Teile
ersetzen  soll,  zweckmäßig  ist,  muß  die  weitere  Erfahrung  lehren.
Hinzu  kommt,  daß  die  Kosten  für  eine  schulmäßige  Berufsausbildung
sehr  hoch  s  find:  in  einer  guten  Lehrwerkstatt,  wie  sie  etwa  die  Fachchulen
  für  Metallindustrie  darstellen,  kostet,  abgesehen  en  den
Unterhaltungskosten,  ein  Schüler  jährlich  400—500  Mark.  Wenn  man
also  die  mehr  als  600  000  gelernten  jugendlichen  Abbeiter,  ddie  danc
der  letzten  Berufszählung  in  Preußen  vorhanden  ware
lingsschulen  ausbilden  wollte,  so  ergäbe  sich  bei  breiläbröger  Lebil
eine  jährliche  Ausgabe  von  etwa  150—200  Millionen  Mark.  Hinzu

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