thumbs : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Zirkularnote  vom  3.  April.  221

der  übrigen  Staaten  und  unter  Zustimmung  der  Nationalversammlung
die  provisorische  Leitung  Deutschlands  zu  übernehmen,  falls  der  Reichsverweser
  auf  seiner  bereits  ausgesprochenen  Absicht  verharre,  seine  Würde
niederzulegen.  Endlich  sei  der  König  entschlossen,  an  die  Spitze  eines  deutschen
Bundesstaates  zu  treten,  der  aus  den  sich  freiwillig  anschließenden  Staaten
bestehen  solle.  Alle  Regierungen  wurden  aufgefordert,  binnen  14  Tagen
einen  Vertreter  nach  Frankfurt  zu  schicken,  der  zu  einer  genaueren  Erklärung
darüber  ermächtigt  sei,  ob  und  unter  welchen  Bedingungen  sie  einem  solchen
Bundesstaate  beitreten  wollten,  insbesondere,  welche  Veränderungen  sie
an  der  Verfassung  für  nötig  hielten,  und  wie  sie  sich  das  Verhältnis  zu  den
außerhalb  des  Bundesstaates  bleibenden  deutschen  Staaten  dächten.  Hierbei
sei  davon  auszugehen,  daß  das  alte  Bundesverhältnis  für  alle  forkbestehen
und  lediglich  den  neuen  Verhältnissen  anzupassen  sein  würde.

Die  Ausführungen  dieses  Rundschreibens  deckten  sich  fast  genau  mit  dem,
was  Camphausen  der  Deputation  zu  antworten  empfohlen  hatte.  Oie
Deutung,  die  hier  der  königlichen  Rede  gegeben  wurde,  entsprach  den
Wünschen  des  Ministkeriums,  nicht  aber  den  Ansichten  des  Königs  selbft.
Der  öfterreichische  Gesandte  bemerkte  sofort,  daß  hierdurch  die  Wirkung  der
Rede  wieder  aufgehoben  werde.  Auch  Otto  Camphausen  empfand  den
starken  Widerspruch  zwischen  der  Note  und  der  königlichen  Antwortz  er  schrieb
seinem  Bruder,  daß  er  mit  dem  Inhalt  der  Note  in  der  Hauptsache  einverstanden
  sei,  und  daß  „in  deren  Sinne  der  König  sich  nur  gleich  hätte  aussprechen
sollen“.3  Andererseits  war  der  König  natürlich  unzufrieden;  als  sie  ihm  vorgelegt
  wurde,  bemerkte  er  zu  den  Ministkern:  „Sie  steigen  schon  wieder  eine
Stufe  hinunter,  da  folge  ich  nicht.“

In  der  Tat  ließ  die  Note  gar  keine  andere  Deutung  zu,  als  daß  Preußen
entschlossen  sei,  auf  jeden  Fall  innerhalb  des  weiteren  Bundes  einen  unter

1  Merkwürdigerweise  ist  das  Konzept  von  Manteuffel  entworfen  (s.  Poschinger  1,  91).
Es  fehlt  darin  der  Passus,  in  dem  der  König  sich  zur  sofortigen  Ubernahme  der  provisorischen
Jentralgewalt  bereit  erklärt;  er  wurde  vielleicht  auf  Wunsch  des  Königs  selbst  eingefügt,  der
ja  hierauf  besonderen  Wert  legte,  wenn  auch  aus  ganz  anderen  Motiven.  Ferner  steht  im
Konzept,  der  König  sei  bereit,  an  die  Spitze  eines  deutschen  Bundesstaates  zu  treten,  in  der
Ausfertigung,  er  sei  dazu  entschlossen.  Diese  nicht  unwichtige  Nüance  wird  wohl  bei  der
Beratung  im  Ministerium  angebracht  worden  sein.  Sie  verwandelte  das  Angebot  in  eine
Drohung.  Die  übrigen  Abweichungen  sind  belanglos.

:  In  dem  zit.  Bericht  vom  s.  (4.)  April.

*  An  Ludolf  Camphausen  s.  April.  Die  Inkongruenz  zwischen  beiden  Kundgebungen
betonte  auch  der  König  von  Sachsen  in  seinem  Briefe  vom  722.  April;  ganz  mit  Recht
sah  er  in  der  Zirkularnote  ein  Jurückgreifen  auf  „die  unglückseligen  Ideen  vom  23.  Januar“.
Er  fügt  hinzu,  er  wisse  sehr  wohl,  „daß  die  Ansichten  Deines  Ministeriums  nicht  die  Deinigen
sind“.  Ebenso  empfand  sie,  in  freudiger  Erregung,  Gagern  (an  Simson  s.  April,  Simson  198).

4  Gerlach  1,  311.