106 Kaiser Leopold J.
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meine Pflicht nicht tue, ja mich nicht einmal dann brav aufführe,
wenn man mich wohlwollend zurechtweist. Ich muß bekennen, daß
ich ein Mensch bin, der wenig wert ist.“ Man wird diesem Selbstbekenntnis
eines etwa vierzehnjährigen Burschen, Rudolf war 1552
geboren, ebensowenig wahre Empfindung zubilligen dürfen, als man
dem jüngeren, Ernst, Glauben schenken darf, wenn er allerhöchst
eigenhändig versichert, daß ihm die Lesung Ciceros „de ofkicis“
vieles Vergnügen bereite. Auf die genannten Autoren folgen dann
Sallust, Cäsar, Livius, Horaz; letzterer wird ins Spanische übersetzt,
griechische Autoren, wie Aristoteles, ins Lateinische. Eigenartig mutet
uns ein Aufsatz Erzherzog Rudolfs an über die Laster des Heliogabal,
der eine liebevolle Vertiefung in dieses heikle Thema zeigt.
Ihre Zeit ist freilich nicht ganz mit Studien ausgefüllt; zur besonderen
Belehrung dürfen sie einmal einem Autodafé, einer Ketzerverbrennung,
beiwohnen, die von 7 Uhr morgens bis 3 Uhr nachmittags
währt. Sie soll auf Erzherzog Rudolf einen starken Eindruck gemacht
haben; man wird nicht fehlgehen, wenn man seine spätere Schen vor
energischen Maßregeln in Glaubenssachen mit den Eindrücken in
Verbindung bringt, die seine jugendliche Seele damals in Spanien
empfangen hat.
Ihre Tante, Schwester König Philipps II., Donna Juana, die
sich besonders um ihre Erziehung annahm, hat auch gesorgt, daß die
Prinzen in allen höfischen Künsten erzogen wurden, sie mußten tanzen,
fechten, reiten; sie trieben Jagd, Musik, auch in die Kunst des
Flirtens scheinen sie eingeführt worden zu sein: Rudolf berichtet, er
habe sich diejenige Hofdame ausgesucht, die am wenigsten geschminkt
gewesen sei. Als wirkliche Ausbeute dieser sonderbaren Erziehung
nahm der junge Erzherzog bedeutende Sprachkenntnisse ins Leben
mit; neben Latein und Deutsch beherrschte er die spanische und italienische
Sprache völlig, er hat sich auch etwas Tschechisch angeeignet.
Sonst ist er ganz in die spanische Sitte des Hofes eingeschnürt worden,
die von Philipp II. großgezogen worden ist und von den deutschen
Habsburgern gern nachgeahmt wurde. Steife Würde mußte die
Vertraulichkeit verscheuchen, jede Stunde des Tages hatte ihre Vorschrift,
jeder Aktus sein Zeremoniell; eine künstliche Welt wird geschaffen,
streng abgegrenzt von der wirklichen, in die die Fürsten nur
selten hineinblickten und die sie darum nicht verstanden. Besonders
Rudolf scheint ein für Etiquette sehr empfängliches Gemüt gehabt zu
haben, einen weichen Charakter, der in gewollter Einfamkeit sich zu
Sonderbarkeiten verhärtet hat; als ein lustiger, lebensfroher Bur-