Gewicht gewinne. So hätten Sachsen, Pfalz, Braunschweig und Hessen, weil
sie den nachgebornen Söhnen einen großen Theil gegeben, ihre Fürstenthümer
fast auf Nichts herunter gebracht. Um das zu vermeiden, beschloß er, Alles seinem
ältesten Sohne zu hinterlassen, um ihn in Stand zu setzen, ein Gegengewicht
gegen das kaiserliche Haus zu bilden, dessen Joche das übrige
Deutschland bereits unterworfen war. Darum erlaubte er der Kurfürstin,
mit beiden Händen zu nehmen, um ihren Kindern etwas zu verschaffen,
denen er, wie er sagte, nicht einen Fuß breit der kurfürstlichen Länder geben
wollte. Die Kurfürstin unterließ nicht, sich nach Möglichkeit zu bereichern.
Der Kurfürst hatte Ursache, sich darüber zu beklagen, von seinen Verbündeten
beim Frieden von Nimwegen aufgeopfert worden zu sein, indem er dadurch
genöthigt wurde, den Schweden alles ihnen Entrissene zurückzugeben. Um ihn
dafür zu entschädigen, gab ihm Frankreich ein großes Jahrgeld, und überhäufte
die Kurfürstin mit so vielen Geschenken, daß es sie für seine Interessen gewann.
Diese Unwürdigkeiten brachten den Kurfürsten noch zu mehreren andern, welche
seine letzten Jahre verdunkelten; allein seitdem Ludwig XIV. das Edikt von Nantes
aufgehoben, und angefangen hatte, die Protestanten zu verfolgen, war nichts mehr
im Stande, seinen Unwillen gegen den französischen Hof zu beschwichtigen. Großmüthig
reichte er den französischen Flüchtlingen die Hand, schickte sogar Personen
an die Grenze des Königreichs, um sie dort in Empfang zu nehmen und kostenfrei
zu erhalten; mit einem Worte, er that für sie Alles, was christliche Liebe und
Hochherzigkeit einem großen Fürsten vorschrieben. Sein Alter, sein durch die Gicht
bemitleidenswerther Zustand und die Mißhelligkeiten zwischen dem Kurprinzen und
der Kurfürstin ließen wenig mehr während seines Lebens erwarten. Er näherte
sich seinem Ende, ehe man es glaubte. Als man ihn damit bekannt machte, daß
er nur noch wenige Augenblicke zu leben habe, nahm er dies mit aller Fassung
eines Helden und eines Christen auf. Die Würde und die Zärtlichkeit seiner letzten
Rathschläge an seine Kinder und Minister erfüllten diese mit Bewunderung und
rührten sie zu Thränen. Vor allen Dingen empfahl er ihnen, die protestantische
Religion nicht zu verlassen, welche damals von allen Seiten ungemein bedroht war.=Wenn
schon die Mitwelt, welche seine erst im Laufe der Zeit sich entwickelnde
Schöpfung noch nicht zu übersehen vermochte, in solchem Umfange die
gewaltige Kraft dieses Geistes anerkannte, um wie viel mehr muß es die Nachwelt,
vor deren Blicken sich der von ihm gelegte Keim zur herrlichsten Frucht
entfaltete, vor Allem aber die, welche unter dem Scepter der Hohenzollern leben,
Glieder des von ihm begründeten Staates, den seine erhabenen Nachkommen in
dem Kreise der europäischen Mächte zur Anerkennung gebracht haben. Wer in
diesem Sinne die Regierung des großen Kurfürsten auffaßt, wird manche Härten
und Schroffheiten, welche die Mitwelt oft zu einseitig anfieht, durch seine wohlthätigen
Schspfungen gerechtfertigt finden. Es giebt keinen großen Reformator,
der ohne scharfen und fühlbaren Eingriff in das Vorhandene den. Wetz zu-