Full text : Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Stettin. 1915. (105)

IV.  Verwaltung,  wirtschaftliche  und  geistige  Zustände.  113

alchimistischen  Neigungen.  Olgleich  er  der  Anstalt  in  Tangermünde
  Aufnahme  gewährte  und  im  Frühjahr  1607  alle  Interessenten
  dorthin  einlud,  blieb  das  Projekt  natürlich  unausgeführt.
  Dagegen  wurde  er  der  Begründer  der  Berliner  Bibliothek:
  ihren  Stamm  gab  eine  Büchersammlung  aus  der  Zeit
Johann  Ciceros  und  Joachims  II.  ab,  die  man  verstaubt  auf
dem  Boden  des  Schlosses  fand.  Ihr  erster  Vorsteher  wurde
der  gelehrte  Johann  Raue.  Auch  die  Anfänge  der  Berliner
Kunst=  und  Naturaliensammlungen  gehen  auf  den  Kurfürsten
zurück.  An  diesen  Dingen  fand  er  mehr  Vergnügen  als  an
der  dürftigen  Litteratur  seiner  Zeit.  Auch  die  Fruchtbringende
Gesellschaft,  der  er  als  „der  Untadelige“  angehörte,  kann  ihm
da  nur  wenig  geboten  haben.  Daß  er  den  preußischen  Dichter
Simon  Dach  (1605—10659),  der  in  einem  Gedicht  zum  Preis
der  Geburt  des  nachmaligen  Friedrich  III.  (1.  Juli  1057)  das
künftige  preußische  Königtum  verkündet  hatte,  durch  ein  bescheidenes
  Gütchen  versorgte,  galt  wohl  weniger  dem  Poeten
als  dem  Preußen.  Dem  preußischen  Kapellmeister  Johann
Stobäus  ermöglichte  er  seit  1045  den  Druck  seiner  musikalischen
Werke  aus  den  Strafgeldern  des  preußisehen  Obergerichts.  Er
unterstützte  seines  Leibarztes  Menzel  Studien  über  asiatische
und  amerikanische  Sprachen  und  die  des  Berliner  Probstes
Müller  über  das  Chinesische.  Dem  Königeberger  Hofvrediger
Professor  Johannes  Böhm  erschloß  er  das  Archiv  für  eine
Geschichte  Herzog  Albrechts.  Auch  der  französische  Historiker
de  Rocoules  und  der  Publizist  Gregorio  Leti,  der  Ludwig  XIV.
litterarisch  bekämpfte,  sind  von  ihm  gefördert  worden.  Aber
er  war  kein  Verehrer  des  damalo  herrschenden  französischen
Vorbildes.  Als  er  die  Regierung  antrat,  war  der  Hof  nach
dem  Bericht  eines  französischen  Gesandten  in  Sprache  und  in
Formen  des  Lebens  ganz  französisch.  Das  änderte  sich  allmählich.
  Während  in  der  früheren  Zeit  ein  Betonen  dee  deutschen
Wesens  im  Gegensatz  zu  der  französischen  Mode  nicht  bemerkbar
  wird,  haben  später  politische  Momente  darin  eine  Aenderung
  bewirkt.

Dieser  deutsche  Zug  im  Wesen  des  Kurfürsten  wurzelte  zu—
meist  in  seinem  streng  evangelischen  Denken.  Deutsch  und

Prutz,  Preußische  Geschichte.  lI.