Full text : Ereignisse und Gestalten 1878-1918

Um  so  intensiver  beschäftigte  mich  der  Gedanke  an  den  festen  Zusammenschluß
  der  protestantischen  Kirchen,  zunächst  Preußens,
dann  Deutschlands,  schließlich  Europas.  Mein  Verkehr  mit  dem
Oberkirchenrat,  den  Generalsuperintendenten  usw.  war  sehr  lebhaft,
um  den  Weg  zu  diesem  Zusammenschluß  zu  finden.  Die  Eisenacher
Konferenz  habe  ich  mit  Interesse  begrüßt  und  verfolgt.  Zur  Kirchenweihe
  in  Jerusalem  habe  ich  alle  Generalsuperintendenten  versammelt
und  auch  Deputationen  aus  Schweden,  Norwegen  usw.  begrüßen
können.  Ebenso  bei  der  Domweihe  in  Berlin,  wo  unter  vielen  anderen
Deputationen  auch  die  englische  Kirche  durch  den  als  Schriftsteller  wie
Prediger  gleich  bedeutenden  Bischof  von  Ripon,  W.  Boyd  Carpenter,
den  Seelsorger  der  Königin  Victoria  von  England,  vertreten  war.  Bei
jeder  Gelegenheit  suchte  ich  Ausgleich,  Annäherung  und  Zusammenschluß
  herbeizuführen.  Allein  es  kam  zu  keinem  positiven  Ergebnis.
Trotzdem  die  Union  in  Preußen  sich  gut  bewährt  hatte,  standen  sich
in  anderen  Teilen  des  Vaterlandes  Lutheraner  und  Reformierte  fremd
gegenüber.  Manche  Landesherren  wachten  eifrig  über  ihr  Recht
ihren  Kirchen  gegenüber  und  waren  darum  einem  engeren  Zusammenschluß
  der  Landeskirchen  abhold.  So  hat  trotz  meinen  Bemühungen
die  deutsche  protestantische  Kirche  sich  lange  nicht  zum  Zusammenschluß
und  zu  gemeinsamem  Widerstand  gegen  die  ihr  feindlichen  Kräfte  zu
entwickeln  vermocht.  Erst  die  Not,  in  die  die  Kirche  durch  den  politischen
  Umsturz  geraten  ist,  hat  das  zustande  gebracht.  Am  Himmelfahrtstage
  1922  ist  zu  meiner  großen  Freude  die  Gründung  des
„Deutschen  Evangelischen  Kirchenbundes“  in  der  Schloßkirche  zu
Wittenberg  feierlich  vollzogen  worden.

In  der  Zeit  meiner  ersten  militärischen  Dienstjahre  in  Potsdam
hatte  ich  die  Unzulänglichkeit  der  Predigten,  die  häufig  nur  trockene
Dogmatik  behandelten,  hingegen  die  Person  Christi  allzu  sehr  zurücktreten
  ließen,  stark  empfunden.  In  Bonn  lernte  ich  dann  D.  Dryander
  kennen,  der  auf  mich  für  mein  ganzes  Leben  einen  tiefen

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