Metadaten : Handbuch der Gesetzgebung in Preußen und dem Deutschen Reiche. VII. Die Polizei. (7)

Weltrecht  und  Weltstaat.  95

positinen  Völkerrechts  in  unserer  Epoche  zwar  zugeben,  aber  dessen  Unvollkommenheiten
  beklagen,  indem  sie  gleichzeitig  einen  Vollendungszustand  des
internationalen  Rechtes  in  der  Zukunft  durch  weltstaatliche,  der  Zukunft  vorbehaltene
  Gebilde  ermöglicht  sehen.  2.  Als  auch  von  solchen,  welche  die  Erxistenz
  pofitiver  Völkerrechtsnormen  leugnen  und  deren  Möglichkeit  oder  Entstehung
von  der  Schöpfung  gewisser,  außerhalb  des  Machtbereichs  einzelner  Staatenstehender
  Gemeinschaftsanstalten  bedingt  glauben.

Schon  bei  den  älteren  Völkerrechtslehrern  findet  sich  die  Vorstellung,  daß
die  Totalität  der  Völkergemeinschaft,  civitas  maxima,  also  eine  gleichsam  aus
den  physischen  Gewalten  der  einzelnen  Staaten  nach  Analogie  der  moralischen
Personen  constituirte  Gesammtkorporation  der  Völker,  als  herrschende  Bafis
der  Völkerrechtsordnung  anzusehen  sei,  —  ein  Gedanke,  der  auch  denjenigen
vorschwebte,  welche  die  Verwirklichung  des  ewigen  Friedens  an  die  Herstellung
eines  Europäischen  Staatenbundes  gekultpft  hatten.

Man  übersah,  daß  auf  dem  Boden  des  sog.  Naturrechts,  soweit  dasselbe
von  dem  vermeintlich  angeborenen  Rechte  des  menschlichen  Individuums
ausging  und  dessen  Beschränkbarkeit  im  Gesellschaftszustande  aus  dem  freien
Willen  ableitete,  Überhaupt  kein  haltbarer  Anknüpfungspunkt  geboten  war,  um
zur  Construction  sog.  moralischer  Personen  zu  gelangen.

Daß  nun  die  Herstellung  einer  objectiv  ausreichend  starken,  constitutionellen,
  sowohl  Gesetzgebung  als  auch  Gerichtsgewalt  in  sich  schließenden  Herrschermacht
  über  die  Völker  eine  Vorbedingung  für  die  Annahme  einer  Pofitimittät
  der  Völkerrechtsnormen  bilde,  ist  in  Uebereinstimmung  mit  der  bisher
überwiegenden  Meinung  der  Theorie  und  der  bisher  geltenden  Staatspraxis,
bereits  oben  (s.  §  6)  in  Abrede  gestellt  worden.  Es  könnte  sich  daher  nur
fragen,  ob  die  Unterordnung  der  völkerrechtlichen  Sdee  der  freien
Staatsgenossenschaft  unter  die  universalstaatsrechtliche  Idee
einer  Gesammtherrschaft  jenen  Zustand  der  Vollendung  oder
Vervollkommnung  des  Völkerrechts  verheißen  und  gewährleisten
würdes

Ein  alle  Völker  in  sich  vereinigender  Weltstaat,  der  von  seinen  theoretischen
  Anhängern  zwar  nicht  als  centralisirte,  jedoch  als  gleichsam  centrale
Weltmacht  aufgefaßt  wird,  könnte  vielleicht  den  einzelnen,  von  ihm  geleiteten
Nationen  dieselbe  Freiheit  der  Entwickelung  in  ähnlichen  Formen  und  Schranden
  bieten,  wie  sie  gegenwärtig  den  Gemeinden  durch  das  Selbstverwaltungsprinzip
  einheitlich  verfaßter  Staatswesen  gewährleistet  wird.

Immerhin  aber  würde  mit  der  Schöpfung  des  sog.  repräsentativen
Weltstaates,  wenn  man  die  Autokratie  eines  einzelnen,  persönlichen  Weltherrschers
  ausschließt  und  die  Mannigfaltigkeit  mehrerer  nebeneinander  bestehender
  Culturformen  des  staatlichen  Lebens,  für  das  Gedeihen  der  Menschheit  als
wesentlich  betrachtet,  an  Stelle  der  heutigen  freien  Selbständigkeit  jedes  einzelnen
  Staates  die  Zwangsherrschaft  nach  Grundsätzen  der  Staatenmajoritäten
  den  Staatenminoritäten  gegenübergestellt  werden  müssen.  Die  Minder-8%