Metadata : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

Kampf  gegen  Ratzeburg.  443

war  noch  stark  genug  gewesen,  diesen  völligen  Umschwung  herbeizuführen.
Anstatt  nun  im  Winter,  während  dessen  das  kaiserliche  Heer  auseinanderging,
das  Verlorene  möglichst  wieder  zu  gewinnen,  geriet  Heinrich  neuerdings  in
Streit  mit  einem  seiner  bedeutendsten  Vasallen;  man  vermag  allerdings
nicht  mehr  zu  unterscheiden,  auf  wessen  Seite  die  Berechtigung  lag.

Während  nämlich  Heinrich  der  Löwe  das  Weihnachtsfest  zu  Lüneburg  Ende  Dez.
feierte"),  erhob  er  plötzlich  gegen  Graf  Bernhard  von  Ratzeburg  die  Beschuldigung,
  er  habe  ihn  mit  seinen  vornehmsten  Getreuen  nach  Ratzeburg
zu  einem  Gastmahl  einladen  und  währenddessen  alle  Zechgenossen  ermorden
wollen;  hierfür  habe  er  unwidersprechliche  Beweise.  Graf  Bernhard  konnte
entweder  die  Anklage  nicht  genügend  widerlegen,  oder  seinen  Worten  wurde
kein  Glaube  geschenkt:  kurz,  der  Herzog  nahm  ihn  und  seinen  Sohn  Volrad
gefangen.  Damit  sich  nun  nicht  die  Grafschaft  Bernhards  mit  dem  Kaiser  1191
verbinde,  zog  Heinrich,  seine  Gefangenen  mit  sich  schleppend,  gegen  Ratze-  Januar
burg,  das  er  mit  der  Unterstützung  der  Lübecker  Bürger  belagerte.  Bernhard
überlieferte  ihm  die  Stadt  und  wurde  dafür  freigelassen.  Aber  kaum  war
er  mit  seiner  ganzen  Familie  und  allem  seinem  Besitztum  nach  Gadebusch
übergesiedelt,  als  der  Herzog  von  neuem  Verdacht  gegen  ihn  schöpfte  oder
zu  hegen  vorgab,  ihn  plötzlich  überfiel  und  nach  Zerstörung  von  Gadebusch““)
gefangen  nahm.  Dann  ließ  der  Herzog  Ratzeburg,  Siegeberg  und  Plön
befestigen  und  legte  Besatzungen  hinein.  Graf  Bernhard  indes  floh  zu  dem
neuen  Herzoge  von  Sachsen''").  Ganz  aufrichtig  und  ehrenhaft  ist  die  Verfahrungsweise
  Heinrichs  des  Löwen  in  dieser  Angelegenheit  keinesfalls.  Er
hat  den  Grafen  nicht  vor  ein  gesetzmäßiges  Gericht  gestelltt),  und  besonders
  die  zweite  Züchtigung  Bernhards  trägt  entschieden  das  Gepräge
einer  treulosen  Gewalttätigkeit.  Allerdings  muß  man  zur  Milderung  des
Urteils  über  den  Herzog  berücksichtigen,  daß  er  im  Laufe  des  Jahres  1180
die  traurigsten  Beweise  von  Undankbarkeit  und  Verräterei  von  seiten  seiner
Vasallen  empfangen  hatte,  deshalb  dem  Verdachte  sehr  zugänglich  und  gewiß
leicht  zum  Jähzorn  geneigt  war.  Was  mußte  er  nach  den  Erfahrungen  des
vergangenen  Jahres  nicht  für  das  beginnende  fürchten,  da  schon,  als  seine
Macht  noch  unversehrt,  weder  Bayern  noch  Sachsen  sich  für  ihn  gegen  den
Kaiser  zu  erheben  gewillt  waren;  was  würde  jetzt  eintreffen,  da  er  nicht
mehr  das  Dritteil  seiner  früheren  Besitzungen  hielt?

Und  in  der  Tat  warteten  seine  Feinde  zu  ihren  Angriffen  das  Frühjahr
nicht  ab.  Von  Haldensleben  aus  hatte  Bernhard  von  der  Lippe  während  des
Winters  abermals  das  Erzstift  Magdeburg  auf  das  kläglichste  verwüstetit#),

 

6)  Der  Kaiser  feierte  Weihnachten  zu  Würzburg;  Chron.  Regia  Colon.,  p.  131.
*½)  Auf  einer  Höhe  vor  der  Stadt  erkennt  man  noch  heute  die  Spuren  des  damals
zerstörten  Schlosses;  P.  v.  Kobbe,  Geschichte  des  Herzogtums  Lauenburg  I,  S.  247.
*##)Arn.  Lubic.  II,  19.

)er  Heinrich  sehr  wohlgesinnte  Arnold  von  Lübeck  würde  gewiß  nicht  unterlassen
  haben,  dieses  zu  erwähnen.

)  An.  Pegav.,  p.  264.