III. Deutschland und England 1898—1900.
Daß in einem so großen Kolonialreich, wie England es besitzt,
immer irgendwo äußere Schwierigkeiten und Reibungen vorhanden
sind, liegt in der Natur der Dinge. Es hat aber kaum
eine Zeit gegeben, in der von dem Londoner Kabinett so vielfältige
überseeische Streitigkeiten zu schlichten gewesen wären, als in den
letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts. In Ostasien: die Unversehrtheit
Chinas, wo England bisher überwiegenden Einfluß
besaß, wird von Rußland bedroht. Das englische Angebot, von
keinem Hafen im Golf von Petschili Besitz zu ergreifen, wenn
Rußland von der Besetzung Port Arthurs Abstand nehme, wird
abgelehnt, Rußland geht mit dem offenbaren Hintergedanken nach
Port Arthur, allmählich die Mandschurei vom chinesischen Reiche
abzutrennen, infolgedessen muß in Weihaiwei ein militärisches
Gegengewicht geschaffen werden; die deutsche Pachtung von Kiautschon
läßt man freundlich gelten, weil sie nur wirtschaftlichen
Zwecken dient und um, wie Balfour im Unterhaus sagt, die öffentliche
Meinung in Deutschland zu versöhnen. In Indien ist ein
blutiger Feldzug gegen die nördlichen Grenzstämme im Gange.
Nach dem Tode des Emirs von Afghanistan sind Unruhen und verstärkte
russische Einflüsse zu befürchten. Im Sudan: Kampf gegen
den Mahdi, der Plan, zwischen Unterägypten und den britischen
Besitzungen am Victoria-Njansa eine sichere Verbindung herzustellen,
kreuzt sich mit dem Bestreben der Franzosen, ihre Einflußsphäre
vom Kongo quer durch Afrika bis zur französischen
Kolonie am Roten Meere zu erweitern; nach seinem Siege bei
Omdurman eilt Kitchener nach Faschoda am Weißen Nil und hißt
die britisch-ägyptische Flagge neben der von Marchand vorher schon
gehißten französischen, ein scharfer diplomatischer Streit entbrennt
(Oktober 1898). (Ein ähnlicher Wettlauf hatte sich im Februar
1898 im Hinterlande von Lagos und Dahomey ereignet, wo eng-45