292 Dritter Zeitraum.
fünf Regimentern Hannoveraner zur Hilfe, und doch scheint der Kampf hoffnungslos
zu sein. Schon sammelt der Feind gewaltige Kavalleriemassen, um die halb zertrüm—
merten Regimenter vollständig zu zermalmen. Da stürmen ihnen mit lautem Hurra
6000 deutsche Reiter entgegen; ein kurzer, heftiger Kampf, dann stürzen die seschla enen
Franzosen davon, ihre eigenen Regimenter mit sich fortreißend: die größte Reiterschlacht
dieses Krieges war geschlagen. " # mm“
Bis zum Abend wogte der Kampf hin und her; da bot Prinz Friedrich
Karl, der in jähem Galopp von Pont ä Mousson herbeigeeilt war und seit drei
Stunden den Kampf persönlich leitete, den letzten Hauch von Mann und Roß auf,
um den entscheidenden Schlag zu thun: aber die Truppen vermochten nichts mehr,
die Nacht machte endlich dem Kampfe ein Ende. Beide Heere lagerten, einander
ganz nahe, mit dem Gewehr im Arm, auf dem Schlachtfelde; erst das Zurückgehen
der Franzosen am Morgen gab den Deutschen die Gewißheit des Sieges. 35000
Tote und Verwundete hatte das zwölfstündige Ringen gekostet, fast die Hälfte kam
auf die Deutschen; aber die deutsche Peeresleitung hatte ihr Ziel erreicht: Bazaine
war abermals um einen Tag aufgehalten und zog sich bis hinter Gravelotte zurück.
Bazaine nahm auch am 18. den Abmarsch nicht wieder auf, obwohl ihm
der Weg nach dem Norden noch offen stand. Er hatte seine Stellung westlich
von den Metzer Forts St. Quentin und Plappeville auf der stufenartig ansteigenden
Hochebene gewählt, deren westlicher Abhang durch übereinanderliegende
Schützenreihen und deren Rücken durch Batterien in gedeckter Stellung
befestigt war, die das kahle Vorland, über welches die Deutschen anrücken
mußten, vollständig bestreichen konnten. Seine Stellung reichte im Süden fast
an die Mosel und zog sich über Amanvillers bis über St. Privat hinaus; er
hielt sie für unangreifbar und wollte deshalb den Kampf nur verteidigungsweise
führen. Die deutsche Heeresleitung hatte am 17. sämtliche Korps der ersten und
zweiten Armec bis auf eins, das zur Beobachtung von Metz zurückgelassen war,
auf das linke Moselufer gezogen, im ganzen etwa 200000 Krieger, denen
180000 Franzosen in einer fast unangreifbaren Stellung gegenüberstanden.
König Wilhelm übernahm selber die Leitung der Schlacht bei Gravelotte,
der größten des ganzen Krieges, die auch noch dadurch bemerkenswert ist,
daß beide Heere mit umgekehrten Fronten schlugen.
Die Schlacht von Gravelotte spielt sich in drei großen, nebeneinander hergehenden
Kämpfen ab. Im Centrum und auf dem rechten Flügel mußten die
Deutschen sich damit begnügen, ihre Stellung zu behaupten; denn Bazaine hatte auch
heute wieder seinen linken Flügel am besten bedacht. Die Entscheidung mußte im
Norden erfolgen. Weil das deutsche Hauptquartier nicht wußte, ob Bazaine seinen
Abmarsch nach Norden bereits angetreten habe, so mußte der linke Flüg el, preußische
Garde und Sachsen, weit nach Norden ausgreifen, um ihn noch zu fassen oder, falls
er nicht aufgebrochen war, in seiner rechten Flanke zu umgehen. Bevor dies geschehen
war, mußte die Garde, um das Centrum zu entlasten, einen Angriff auf
St. Privat wagen. Das festungsähnliche Dorf mit seinen vielen Gartenmauern
und steinernen Häusern war ebenso wie die umliegenden Höhen vom Feinde stark
besetzt; in allen Gräben, hinter allen Mauern, Zäunen und Hecken lagen die feindlichen
Schwärme: vor dem Feuer dieser Tausende weittragender Gewehre, deren Schützen
unsichtbar waren, lag ein völlig ungedeckter Abhang. Unter ungeheuern Verlusten
— die Gardeschützen z. B. verloren sämtliche Offiziere — drang die Garde bis in die
Nähe der feindlichen Stellung vor und behauptete sich dort stundenlang im feindlichen
Kugelregen, bis ihr die Sachsen von Norden her zu Hilfe eilten und sie gemeinsam
das inzwischen von der deutschen Artillerie zerschossene St. Privat erstürmten. Um
dieselbe Zeit waren auf dem rechten Flügel die Pommern eingetroffen. Sie
waren seit zwei Uhr morgens auf dem Marsche; aber beim Anblick des Feindes war