88 Zweites Buch. Der Kampf um das Dasein.
mußte den Gegensatz der beiden Staaten noch steigern. Weder
für Rußland noch für Oesterreich war die Erniedrigung Preußens
politisch notwendig, weder für dieses noch für jenes dem
anderen gegenüber ein Gewinn. Es wurde nur, was der beiden
Kaiserinnen persönlichen Haß befriedigen sollte, ausgegeben für
geboten durch das Interesse Europas: allen Souveränen müsse
daran liegen, daß der König von Preußen die Sicherheit und
Unabhängigkeit seiner Nachbarn nicht mehr gefährden könne.
Im Vergleich damit bewahrte man sogar in Frankreich noch
einigermaßen die Ruhe. Erst nach langem Kampf und nur
durch den Appell an die niedrigsten Leidenschaften überwand
dort die österreichische Diplomatie das Schwergewicht der geschichtlich
gegebenen großen nationalen Interessen. Dank der
Marquise von Pompadour wurde am 1. Mai 1757 in Versailles
ein neues österreichisch-französisches Bündnis unterzeichnet, in
dem man Preußens Todesurteil zu redigieren wähnte. Frankreich
half seinem Erbfeind mit 105 000 Mann, unterhielt in
dessen Dienst 6000 Bayern und 1000 Württemberger und zahlte
ihm 12 Millionen Gulden jährlich, bis Oesterreich nicht bloß
Schlesien und Glatz zurückgewonnen, sondern auch Krossen und
einige Nachbargebiete erhalten hätte, deren bisherige Besitzer
ebenfalls Preußen entschädigen sollte. Der Krieg sollte so lange
fortgeführt werden, bis Friedrich auch Magdeburg, Halle und
Halberstadt, Vorpommern und Kleve nebst Geldern abträte,
um Sachsen, Kurpfalz und Schweden zu vergrößern. Frankreich
war ein Teil der österreichischen Niederlande zugedacht,
deren Hauptmasse der mit einer Tochter Ludwigs XV. vermählte
Infant Philipp erhalten sollte. Im Zusammenhang
damit waren tiefgreifende territoriale Aenderungen in Italien
geplant. Wurde dieses Programm verwirklicht, so übte das Haus
Habsburg-Lothringen im Bunde mit Rußland und den seinen Interessen
dienstbar gemachten Bourbonen die Diktatur in Europa,
Deutschland war eine österreichische Provinz und Preußen, aus der
Reihe der Großmächte gestrichen, zu reichsständischem Stillleben
verurteilt. Aber es konnte nicht verwirklicht werden, weil keine
französische Regierung auf die Dauer eine Politik verfolgen konnte,
welche die vitalsten nationalen Interessen mit Füßen trat.