Metadata : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

272  56.  Die  Polenfrage.

von  Dienstwohnungen  und  billigen  Mietslogis  dienen,  da
es,  wie  Sie  wissen,  gerade  im  Osten  vielfach  an  geeigneter  Wohngelegenheit
fehlt.  Ich  halte  persönlich  den  Erwerb  von  eigenem  Haus=  und  Grundbesitz
für  die  mittleren  und  kleineren  Beamten,  etwa  auf  dem  Wege  der  Genossenschaftsbildung,
  für  praktisch  und  wünschenswert,  um  in  diesen  Beamten
das  Heimatgefühl,  das  provinzielle  Gefühl  zu  stärken,  und  sie  und  ihre
Familien  an  die  Ostmark  zu  fesseln,  und  ich  würde  gern  meine  Hand  zur
Erreichung  dieses  Zieles  bieten.

Aber,  meine  Herren,  nicht  nur  für  die  Beamten,  sondern  für  alle
Bewohner  des  Ostens  ist  neben  der  wirtschaftlichen  auch  die  kulturelle
Hebung  unserer  östlichen  Provinzen  von  derallergrößten
Bedeutung.  Sie  ist  das  sicherste  Mittel,  um  die  von  uns  beklagte
Abwanderung  aus  dem  Osten  zu  verhindern  und  deutsche  Elemente  nach
dem  Osten  zu  ziehen.  In  dieser  Beziehung  ist,  wie  Sie  wissen,  ein  kleiner
Anfang  gemacht  worden  mit  der  Errichtung  eines  Museums  und  der
Kaiser  Wilhelms-Bibliothek  in  Posen,  mit  dem  Bau  von  Theatern  in
Bromberg  und  Posen.

Von  ferneren  Maßnahmen  zur  Hebung  der  Kultur  in  den  Ostmarken
unterliegen  zur  Zeit  der  Erwägung  der  Neubau  eines  chemischen  Instituts
in  der  Stadt  Posen,  im  Anschluß  an  das  dort  bereits  bestehende  hygienische
  Institut,  sowie  die  Errichtung  einer  landwirtschaftlichen  Anstalt  in
Verbindung  mit  einer  Bibliothek  in  Bromberg.  Gerade  Bromberg  eignet
sich  vermöge  seiner  topographischen  Lage  zwischen  den  beiden  Provinzen
Posen  und  Westpreußen  besonders  zur  Aufnahme  eines  solchen  Instituts,
das  auch  ein  geistiger  Stützpunkt  für  die  Kolonisationsbestrebungen  in  den
Ostmarken  werden  kann.  Auch  ist  die  Vermehrung  der  realen  Lehranstalten
  in  der  Provinz  Posen  in  Aussicht  genommen  worden.

(Bravol)

Ich  weiß  sehr  wohl,  daß  man  von  manchen  Seiten  diese  Bestrebungen
zur  kulturellen  Hebung  des  Deutschtums  im  Osten  als  zu  ideale  verspottet
  hat.  Ich  halte  aber  eine  solche  Ironie  für  durchaus  ungerechtfertigt.
  Wo  ihm  kein  geistiges  Leben  blüht,  wo  ihm  Kunst  und  Wissenschaft
  fehlen,  da  verkümmert  der  Deutsche.  Wo  der  Deutsche  prosperieren
soll,  müssen  auch  die  idealen  Seiten  des  Lebens  gepflegt  werden.

(Sehr  richtig!))
Das  schließt  nicht  aus,  daß  daneben  auch  die  realen,  die  praktischen  und
wirtschaftlichen  Seiten  der  Ostmarkenfrage  dic  ernsteste  Berücksichtigung
finden  werden.