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letztere gilt auch von Gesetzen ohne Rechtsinhalt; den ersten
Paragraphen des bayr. Landrechts kann trotz seiner Inhaltlosigkeit
der König von Bayern im Wege der Verordnung ebenso
wenig aufheben, wie irgend ein anderes Gesetz. Das preuss.
Gesetz vom 4. Juni 1876, so nichtssagend es ist, kann durch
eine Verordnung nicht beseitigt werden. Dies ist die Wirkung
der staatsrechtlichen Form, in der es erlassen worden ist. Es
‚giebt also nicht eine Art von Gesetzeskraft, sondern zwei Arten.
Die materielle Gesetzeskraft ist die auf dem Herrschaftsrecht des
Staates beruhende Verpflichtungskraft seiner Rechtsgebote,
die formelle Gesetzeskraft ist gleichbedeutend mit der Rechtsregel,
dass ein im Wege des Gesetzes zu Stande gekommener
Willensact des Staates auch nur im Wege der Gesetzgebung
wieder aufgehoben werden kann. Gerade aus diesem Grunde ist
es durchaus missverständlich, wenn neuere Schriftsteller (von
MARTITZ, ZORN, Lönne) von einer „blos* formellen Gesetzeskraft
sprechen und der Anschauung Ausdruck geben, als sei die
selbe etwas relativ Weringeres als die materielle; sie ist etwas
durchaus Anderes. Hiernach kann ich die Angriffe SEIDLER’s
gegen die Unterscheidung der Gesetze im materiellen und formellen
Sinne ebenso wenig wie diejenigen v. MArTITzZ’s und
ZoRN’s für begründet erachten.
Folgen wir aber nunmehr den weiteren Erörterungen SEIDLER’S
über das Budgetrecht, so stossen wir auf eine Ueberraschung.
Nachdem er im 8 2 (des VI. Capitels) die Unterscheidung zwischen
formellen und materiellen Gesetzen zurückgewiesen zu haben glaubt,
untersucht er im & 3, „inwieferne der Scheidung von formellen
und materiellen Gesetzen rechtliche Relevanz zukomme,“ und hier
entwickelt er folgende Unterscheidung (8. 209 fg.): „Materielle
Gesetze produziren neue Rechtssätze, sie bilden und entwickeln
die Rechtsordnung fort, formelle Gesetze hingegen bringen die
geltenden Rechtssätze zur Anwendung.“ „Während in aller Regel
ein Rechtssatz unmittelbar durch die Verwaltung, beziehungsweise
Rechtsprechung seine Verwirklichung findet, besteht bei gewissen
Rechtssätzen die rechtliche Besonderheit, dass ihre Verwirklichung
vermittelt werden muss durch ( Gesetze, welche die Verwirklichung
derselben anordnen. Diese Gesetze, welche die Verwirklichung
bestehender Rechtssätze vermitteln, indem sie ihren Gesetzesbefehl
mit dem Inhalte derselben erfüllen, sind die blos (!) formellen