Full text : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

Sturz  des  Ministerium's  Ollivier.  53

des  Kaisers  das  Schwert  entgleiten  mußte,  um  sich  sofort  der  Waffe
zu  bemächtigen  und  ihre  Spitze  gegen  den  Imperator  zu  kehren.

Von  außen  die  gewaltigen,  alles  niederwerfenden  Schläge  der
deutschen  Heere,  in  Paris  das  leisere,  aber  nicht  weniger  erfolgreiche
Wühlen  der  Demokraten  —  diese  beiden  Faktoren  führten  den  Sturz
des  Kaiserreiches  herbei,  noch  einige  gewaltsame,  experimentirende
Zuckungen,  dann  brach  das  prunkende  Gebäude  des  Empire,  welches
aufgeführt  war  durch  Lüge  und  Verbrechen  jeder  Art,  in  sich  zusammen.

Die  Kaiserin-Regentin  war  von  St.  Cloud  nach  Paris  gekom—
men,  sie  hatte  am  7.  August  eine  Proklamazion  erlassen,  worin  sie
prahlerisch  versprach,  Frankreich's  Fahne  hoch  zu  halten  undbei  jeder  Gefahr
die  erste  zu  sein.  Nachdem  sie  diese  große  That  vollbracht,  nahm  sie
ihren  Sitz  in  dem  Palaste  der  Tuilerien.  Am  Nachmittag  desselben
Tages  folgten  zwei  Dekrete,  das  erste  berief  den  gesetzgebenden  Körper
und  den  Senat  auf  den  11.  August,  das  zweite  erklärte  das  Seinedepartement
  in  Belagerungszustand.  Diese  beiden  Maßnahmen  waren
natürlich  nicht  gegen  die  weit  entfernten  deutschen  Heere,  sondern
gegen  die  Republikaner  gerichtet.

Doch  unter  den  Augen  der  Regentin  treten  die  Anhänger  der
feindlichen  Partei  kühn  hervor,  sie  fordern  durch  die  Zeitungen  die
unverzügliche  Bewaffnung  aller  Bürger  von  Paris,  sie  fordern  Einsetzung
  eines  Pariser  Bewaffnungskomites.  Diese  beiden  Vorschläge
würden  in  ihrer  Ausführung  den  zahlreichen  Republikanern  in  Paris
die  Gewalt  in  die  Hände  gegeben  und  den  Anfang  zur  Bildung
einer  provisorischen  Regierung  gemacht  haben.

Diesen  kühnen  Schritten  des  inneren  Feindes,  der  drohenden
Heeresmacht  des  äußern  Feindes  gegenüber  geräth  das  Kabinet
Grammont-Ollivier,  das  den  furchtbaren  Krieg  so  frech  heraufbeschworen,
  ins  Schwanken.  Freilich  erlassen  die  Minister  eine  Proklamazion
in  hochtrabenden  Redensarten  und  rufen  alle  kräftigen  Bürger  von
30—40  Jahren  zu  den  Waffen,  doch  im  gesetzgebenden  Körper  erklärt
Ollivier,  das  Kabinet  sei  bereit,  zurückzutreten,  wenn  die  Versammlung
  glaube,  daß  andere  Leute  der  drohenden  Situazion  besser
gewachsen  seien.

In  der  That  mußten  diese  energielosen  Schwätzer  augenblicklich