Full text : Bismarck´s Glaube.

—  238  —

deutlicher  tritt  das  christliche  Motiv  heraus  in  der  Reichstagsrede
  vom  2.  Kpril  1881  6  1):  „Wenn  der  herr  Kbgeordnete
  Bamberger,  der  ja  an  dem  Worte  „christlich“  keinen
Knstoß  nahm,  für  unsere  Bestrebungen  einen  Namen  finden
wollte,  den  ich  bereitwillig  annehme,  so  ist  es  der:  praktisches
  Christentum,  aber  sans  phrase,  wobei  wir  die  Leute
nicht  mit  Reden  und  Redensarten  bezahlen,  sondern  wo
wir  ihnen  wirklich  EStwas  gewähren  wollen.“  „Ich  möchte
gern,  daß  im  Staat,  der  —  wenn  Sie  auch  die  Benennung
„christlicher  Staat“  perhorreszieren  —  doch  in  seiner  großen
Mehrheit  aus  Christen  besteht,  die  Grundsätze  der  Religion,
zu  der  wir  uns  bekennen,  namentlich  in  bezug  auf  die  hilfe,

die  man  dem  lUächsten  leistet,  in  bezug  auf  das  Mitgefühl

mit  dem  Schicksal,  dem  alte,  leidende  Leute  entgegengehen,

sich  einigermaßen  durchdringen  lassen.“

Km  tiefsten  und  apologetisch  wertvollsten  vertrat
Bismarck  den  christlichen  Sozialismus  in  der  Reichstagsrede
  vom  9.  Januar  1882  65):  „Draktisches  Christentum,  das
heißt  Betätigung  unserer  christlichen  Sittenlehre  auf  dem
Gebiete  der  Nächstenliebe  .  .kuch  diejenigen,  die  an  die
Offenbarungen  des  Christentums  nicht  mehr  glauben,  möchte
ich  daran  erinnern,  daß  doch  die  ganzen  Begriffe  von  Moral,
Ehre  und  Pflichtgefühl,  nach  denen  sie  ihre  anderen  Dand
lungen  in  dieser  Welt  einrichten,  wesentlich  nur  die  fossilen
Ueberreste  des  Christentums  ihrer  Däter  sind,  die  unsere
sittliche  Richtung,  unser  Rechts=  und  Ehrgefüh  «
manchem  Ungläubigen  unbewußt,  bestimmen.  wenn  ert
auch  die  Quelle  selbst  vergessen  hat,  aus  der  unsere  beutigen
Begriffe  von  Jivilisation  und  flicht  geflossen  sind.