Die Kultur der alten Germanen. . 35
enthüllt er die Stirn und jetzt erst glaubt er die Schuld des Daseins bezahlt und sich
selbst des Vaterlands und der Eltern würdig. Dem Tatlosen, dem Unwürdigen bleibt
sein struppiges Haar.
Auch einen eisernen Ring, sonst ein entehrendes Tragen, legt der chattische Kriegsheld
an, gleichsam eine Fessel, aus welcher er sich durch Erlegung eines Feindes lösen
muß. Gar mancher gefällt sich in solchem Aufzug und ist grau darin geworden, ein
geseierter Held auf welchen Freund und Feind mit Fingern weisen. Diese Männer sind
es, welche jede Schlacht eröffnen, stets in den ersten Gliedern stehend, ein wundersames
Schauspiel; denn auch der Friede sänftigt diese Gestalten nicht zu milderer Erscheinung.
Keiner hat Haus und Hof, noch sonstigen Beruf; wo er eintritt, wird er bewirtet; ein
Vergeuder von fremdem, ein Verächter von eigenem Gut, bis die Schwäche des Alters
solch ehernes Heldentum zur Entsagung zwingt.
Den Chatten zunächst wohnen die Usipier und Teukterer am Rheinstrom, welcher
dort schon in bestimmtem Bette fließend, eine genügende natürliche Grenze bildet. Bei
dem Teukterer tritt zu der gewöhnlichen Kriegstüchtigkeit der Germanen eine hervorragende
Reiterkunst und der Ruhm des chattischen Fußvolks steht nicht über den der
teukterischen Reiterei. So war es Brauch der Väter und die Enkel blieben ihm treu;
die Reitkunst ist das Spiel des Kindes, der Ehrgeiz der Jünglinge und noch die Greise
sitzen im Sattel. Neben Gesinde, Haus und Hof und was sonst dem Erbrecht verfällt,
gehen die Rosse ihren besonderen Erbgang; denn sie erhält nicht wie das übrige Gut
der älteste, sondern der kriegsmutigste und tüchtigste Sohn.
Zur Seite der Teukterer hatten in früherer Zeit die Brukterer ihre Stelle; jetzt
haben sich, wie berichtet wird, die Chamaver und Angrivarier dort niedergelassen. Die
Brukterer wurden verdrängt und vollständig aufgerieben, infolge einer Verbindung der
Nachbarstämme, sei es, daß die Erbitterung über bruktererschen Uebermut oder der Reiz
der Beute diese zusammengeführt oder vielleicht ein uns freundlicher Wille der Götter.
Im Rücken der Angrivarier und Chamaver schließen sich die Dulgibiner und die
Chasuaren an, sowie andere minder häufig genannte Völker. Vorn setzen die Friesen die
Reihe fort, nach Maßgabe ihrer Macht als Groß= und Kleinfriesen unterschieden. Für
beide Stämme bildet der Rheinlauf die Grenze bis zum Ozean, überdies umfaßt ihr
Gebiet gewaltige Seen, die auch von römischen Flotten schon befahren worden sind.
Bis hierher kennen wir Germanien in westlicher Ausdehnung. In gewaltigem
Bogen wölbt es sich nun nach Norden hinauf.
Gleich im Anfang erscheint hier das Volk der Chauken. Obgleich es an die Friesen
sich anschließt, und noch einen Teil der Meeresküste inne hat, so zieht es doch den
Grenzen aller bisher genannten Stämme sich entlang, um endlich sogar in das Gebiet der
Chatten sich einzubuchten. Und diese ganze gewaltige Ländermasse nennt der Chauke
nicht nur sein, sondern er füllt sie auch aus; ein Volk, das in hohem Ansehen unter den
Germanen steht und es vorzieht, seine Macht auf Gerechtigkeit zu stützen. Frei von begehrlicher
Leidenschaft, von vermessener Herrschgier, lebt es in stiller Abgeschlossenheit
dahin, kein fremdes Volk zum Kriege reizend, keines mit Raub und Plünderung bedrängend.
Und das eben ist das höchste Zeugnis für des Volkes Tüchtigkeit und Kraft, daß es seine
überlegene Stellung nicht der Gewalttat verdankt. Aber rasch ist jedem die Waffe zur
Hand und wenn die Stunde ruft, so steht das Heer bereit, Roß und Mann in gewaltiger
Zahl und auch im Frieden lebt ihr großer Name fort.“
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