Volltext : Tagebuchblätter. Dritter Band. (3)

172  Dreißigstes  Kapitel  24.,  28.  Sept.  1884

Die  Zusammenkunft  in  Skjernewice  sah  Bucher  mit  mir  als  „Schau—
stellung  des  guten  Einvernehmens  der  drei  Kaiser  vor  Europa“  an,
doch  fügte  er  hinzu:  „Besonders  des  Verhältnisses  Rußlands  zu
Osterreich,  das  mancherlei  zu  wünschen  übrig  ließ.  Man  kann  sich
hier  auch  über  Agypten  besprochen  haben.“  Er  bestätigte  ferner,
daß  der  Chef  „bei  der  kalten  und  ablehnenden  Haltung  Gladstones
seit  langer  Zeit  schon  auf  ein  gutes  Verhältnis  zu  Frankreich  hinarbeite,
  und  nicht  ohne  Erfolg,“  und  sagte,  nachdem  er  von  der
Balkanhalbinsel  gesprochen  und  eine  Verständigung  hinsichtlich  derselben
  angedeutet  hatte,  er  habe  Lust,  etwas  über  die  Sendung  einer
englischen  Kommission  nach  Sarakhs  zur  Feststellung  der  zweifelhaften
Grenze  zwischen  Afghanistan  und  Rußland  zu  machen,  nur  fehle
es  ihm  zur  Zeit  noch  an  geographischem  Material  dazu.  Dabei
verriet  er,  daß  er  sich  mit  dieser  Sache  jüngst  viel  beschäftigt  habe.
Ich  erbot  mich,  in  den  Grenzboten  etwas  darüber  zu  bringen,  und
er  versprach  dazu  Material  aus  der  Bibliothek  des  Auswärtigen
Amtes,  namentlich  das  Reisewerk  O'Donovans.  Er  hatte  den
Fürsten  vor  kurzem  gesehen  (dieser  ist  jetzt  nach  Friedrichsruh  abgereist)
  und  glaubte,  die  Reise  nach  Skjernewice  sei  ihm  gut  bekommen,
  er  sehe  sehr  schlank  aus,  befinde  sich  recht  wohl  und  arbeite
  auch  fleißig.

Tags  nachher  kam  Bucher  früh  8¾  zu  mir  (Lützowstraße  14)
und  brachte  eine  Sammlung  von  Zeitungsausschnitten  verschiednen
Inhalts  zu  meiner  Benutzung,  ich  war  indes  ausgegangen.  Als
ich  ihm  das  Fascikel  am  28.  September  zurückbrachte,  erzählte  er
weiteres  von  Herberts  Auftreten  gegenüber  den  Engländern.  Als
ihn  bei  den  Verhandlungen  über  Angra  Pequena  Lord  Granmville
gefragt  habe,  ob  wir  nicht  am  Ende  Erweiterungen  nach  dem  Innern
hin  (nach  Osten,  in  der  Richtung  nach  dem  Betschuanalande  und
der  Boerenrepublik?)  vornehmen  würden,  habe  er  das  „nicht  gerade
sehr  höflich  für  a  question  of  mere  curiosity  erklärt  und  am
Schlusse  gar  für  a  matter  which  does  not  concern  you.“  Der
Chef  habe  ihm  den  Brief,  der  das  gemeldet  habe,  gezeigt  und  sich
über  die  Derbheit  seines  Sohnes  gefreut.  Jetzt  hätten  sich  die  Eng- 



1  15.  bis  17.  September  1884.
*  Am  22.  September.  Bismarck-Regesten  II,  328.