Überhaupt war sein geistiger Haushalt so genau geordnet, wie sein
urächtiger Schreibtisch, auf dem die langen und die kurzen Bleistifte
immer ausgerichtet lagen und niemals Aktenreste zu
sehen waren.
Manche seiner Reden im Reichstage machen den Eindruck der
Improvisation. Sie waren jedoch fast ohne Ausnahme sorgfältig
vorbereitet. Das gilt auch für die Antworten auf Reden aus dem
Hause, da man bei dem bekannten Standpunkt der Parteiführer
und aus ihrer Presse meist schon im voraus wissen konnte, was
sie sagen würden. Gewiß war er der Rede so mächtig, daß er
leicht aus dem Stegreif sprechen konnte. Er tat es aber nicht und
wünschte es nicht zu tun, damit niemals die berechnete Abgewogenheit
der Worte fehle. Iufolgedessen ist ihm auch niemals eine
Entgleisung passiert. Zu den Reden lieferten außer ihm selbst die
Reichskanzlei und das Auswärtige Amt Entwürfe. Er nahm
davon, was ihm gut schien, war aber zugleich ganz vorurteilslos
gegenüber seinen eigenen Eutwürfen. Ich habe ihn nicht selten
das, was er des Morgens diktiert hatte, um Mittag zerreißen und
in den Papierkorb werfen sehen, wenn begründete Bedenken dagegen
geltend gemacht werden konnten. Autoreneitelkeit kannte er
nicht und adoptierte gern von anderen, was ihm wirksam zu sein
schien, machte Zusätze und gab dieser oder jener Stelle seine eigene
Forni. Die treffenden Einfälle und Scherze rührten meist von
ihm her. Stand dann der Entwurf im ganzen fest, ging er daran,
ihn dem Gedächtnis einzuprägen, was auch bei längeren Reden
nur kurze Zeit in Anspruch nahm. Die Folge dieser genauen Vorarbeit
war, daß am Stenogramm der gehaltenen Rede nur ganz
wenig geändert zu werden brauchte.
Großes Gewicht legte Bülow auf die Beobachtung und Behandlung
der öffentlichen Meinung im In= und Auslande. Es
war ihm ein persönliches und sachliches Bedürfnis, ein möglichst
gutes Verhältnis zwischen Regierung und Presse herzustelleu.
Angriffe ausländischer Blätter auf seine Person kümmerten
ihn wenig und waren ihm sogar unter Umständen wegen ihrer
günstigen Wirkung auf den Kritizismus seiner deutschen Landsleute
willkonmmen. Dagegen zeigte er sich gegen fortgesetzten
Tadel deutscher Blätter namentlich dann empfindlich, wenn davon
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