thumbs : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

Der  rhythmische  Ton.  183

bestimmten  Regeln  mit  einander  abwechseln.  Ein  solcher  regelmäßiger
  Rhythmus  hat  für  das  menschliche  Ohr  etwas  sehr  Angenehmes
  Er  erregt  in  dem  Hörer  nebenbei  das  Taktgefühl.

ieses  besteht  darin,  daß  man  bei  einer  Reihe  von  Tönen  die
Wiederkehr  besonders  auffallender  Töne  in  regelmäßigen  Zeitabschnitten
  angenehm  empfindet.  Diese  Empfindung  v  so  anenehm,
  so  anregend,  daß  man  diese  auffallenden  Töne  dann
7  t  oder  erwartet  wenn  sie  eintreten  sollen.  Im  Verse  sind
diese  auffallenden  Töne  die  am  stärksten  in  das  Ohr  fallenden,
d.  h.  die  schweren  Silben).

Mit  dem  Taktgefühl  hängt  das  zusammen,  was  man  im
Verse  Arsis  und  Thesis  nennt.  Arsis  heißt  eigentlich  Hebung,
Thesis  Senkung.  Diese  Benennungen  sind  von  dem  Wechsel  der
Tonhöhe  hergenommen.  Allein  in  den  vorigen  88  ist  gezeigt
worden  daß  die  Wechselwirkung  von  Tonstärke  und  Tonmit

  dem  deutschen  sprachlichen  beweisen.  In  der  griechischen  Prosodie  ist  ein
Hauptgrundsag  Eine  Länge  ist  Leich  zwei  Kürzen.  Das  heißt  —  -  und  ——
sind  gleiches  Maß.  Das  ist  im  Deutschen  nicht  möglich;  —  —  sind  zwei  Silben
und  ——  sind  drei  Silben,  es  ist  durchaus  nicht  anders  zu  rechnen.  Aber
zwei  ist  niemals  gleich  drei.

In  der  griechischen  Prosodie  kommen  sehr  häufig  zwei,  ja  drei  und  vier
lange  Silben  neben  einander  vor.  Das  ist  im  Deutschen  nicht  möglich.  In
keinem  deutschen  Worte  giebt  es  zwei  schwere  Silben  neben  einander.  Nur  durch
künstliche  Wortstellung  oder  in  zusammengesetzten  Wörtern  kann  man  zwei  schwere
Silben  neben  einander  bringen.  Dann  sind  sie  für  unser  rhythmisches  Gefühl
unangenehm,  sie  prallen  auf  einander,  oder  sie  drücken  einander  im  Ton.  In
„Rathausturm'  kommen  drei  schwere  Silben  zusammen.  Allein  sie  drücken
einander  und  stände  dies  Wort  in  einem  Berse,  so  würden  wir  einfach  hören  —  —  .

Es  ist  endlich  an  der  Zeit  daß  man  sich  über  das  Wesen  des  deutschen
Rhythmus  klar  wird  und  die  unglückseligen  Versuche  aufgiebt  den  griechischen
musikalischen  Rhythmus  uns  aufzuzwingen.  Unsere  herrliche  Sprache  hat  ihren
eigenen  Rhythmus  und  er  ist  nicht  ihr  geringster  Vorzug.  Unsere  herrliche
Sprache  hat  aber  das  unbestreitbare  Recht  in  ihrem  eigenen  schönen  Gewande
zu  erscheinen  und  nicht  in  eine  fremde  Jacke  gezwängt  zu  werden.

*)  In  der  Musik  giebt  es  einzelne  Gattungen  Kompositionen,  die  in  der
absichtlichen  Steigerung  dieses  Taktgefühls  ihre  Hauptwirkung  suchen.  Dahin
gehören  Märsche  und  Tänze.  Diese  bloß  lebhafte  Erregung  des  Taktgefühls
gehört  aber  zu  den  untergeordneten  Wirkungen  der  Mufsik,  schon  deshalb  weil
dasselbe  die  Rückkehr  besonders  ins  Ohr  fallender  Töne  in  kurzen  Zwischenräumen
  verlangt,  die  den  Bewegungen  des  Gehens  und  Tanzens  entsprechen.
In  Musikstücken  höherer  Gattung  wird  demnach  die  Wirkung  auf  das  Taktgefühl
  nicht  gesucht,  sondern  nur  auf  das  rhythmische  Gefühl,  das  sich  von  dem
Taktgefühl  eben  dadurch  unterscheidet,  daß  es  nur  anmutige  Abwechslung  von
leichten  und  schweren  Tönen  verlangt,  nicht  aber  regelmäßige,  ins  Ohr  springende
Wiederkehr  von  accentuierten  Tönen.