Full text : Bismarck und das päpstliche Rom.

in  die  Brüche  gegangen  und  schließlich  1806  für  immer  erloschen.
  Schon  1803  waren  durch  den  ‚Reichsdeputationshauptschluß“
  infolge  folgerechter  Durchführung  der  Säkularisation
  die  geistlichen  Territorien  verschwunden.  Wenn  an
Stelle  des  römischen  Kaisers  deutscher  Nation  der  französische
Imperator  getreten  war,  der  sich  als  einen  zweiten  Charlemagne
aufspielte,  so  war  das  doch  etwas  sehr  anderes,  als  die  ‚apostolische‘‘
  Majestät  der  Habsburger  in  der  Wiener  Hofburg,
welche  ihre  Krone  tatsächlich  aus  der  Hand  des  Papstes  empfangen
  hatten  und  als  römische  Kaiser  von  Papstes  Gnaden
ihm  den  Steigbügel  hielten.  Rom  mitsamt  dem  „Kirchenstaat‘“
wurde  1810  eine  französische  Provinz.  In  der  Machtsphäre  des
korsischen  Cäsars,  also  auch  in  den  deutschen  Rheinbundstaaten,
deren  Protektor  er  war,  mußte  das  römische  Papsttum  sich  mit
dern  begnügen,  was  die  weltlichen  Machthaber  der  römischen
Kirche  und  Kurie  zugestanden  oder  ließen.  Der  Eroberer  Italiens,
Tirols  und  Spaniens  geriet  indes  schließlich  doch  mit  dem  päpstlichen
  Rom  in  tödlichen  Konflikt.  Napoleon  unterlag.  In  die
Tuilerien  zogen  wieder  die  ‚allerchristlichsten‘,  wili  heißen
allerpäpstlichsten  Bourbonen  ein.

Auf  dem  Wiener  Kongreß,  dessen  Tendenz  dahin  ging,
die  Zustände  wie  vor  der  französischen  Revolution  möglichst
wieder  herzustellen,  erlebte  das  römische  Papsttum  eine  förmliche
  Auferstehung.  Die  Wiederherstellung  des  Kirchenstaates
in  seinem  vollen  Umfange  verdankte  es  dabei  den  „ketzerischen‘“
Mächten:  dem  griechisch-katholischen  Rußland  und  dem  protestantischen
  England  und  Preußen,  welche  damit  der  Vorherrschaft
  Österreichs  in  Italien  einen  Damm  entgegensetzen  wollten.

Das  Erste  aber,  was  der  Dreifachgekrönte  im  Vatikan
nach  seinem  Einzuge  in  Rom  tat,  war  die  Wiederherstellung
des  1773  im  Interesse  der  kirchlichen  Eintracht  und  vor  allem
des  Friedens  zwischen  Kirche  und  Staat  ‚‚für  immer‘  aufgelösten
Jesuitenordens.  Damit  ward,  wie  im  16.  Jahrhundert
bei  der  Aufrichtung  des  Ordens,  die  Gegen-Reformation,  jetzt
die  Gegen-Revolution  eingeleitet.  Auch  von  den  weltlichen
Mächten  wurden  die  Jünger  des  Ignaz  von  Loyola  als  Bekämpfer
des  ‚‚revolutionären‘‘  Geistes  willkommen  geheißen.  Sogar
protestantische  Mächte,  richtiger  Fürsten,  begrüßten  die  Wiederaufrichtung
  des  römischen  Papsttums  und  seiner  Hierarchie  als
eine  Bürgschaft  gegen  den  Umsturz  der  bestehenden  Ordnung.

Böhtlingk,  Bismarck  und  das  päpstliche  Rom  2