Niederschrift König Wilhelms vom 5. Juli. 535
hielt? Begehrte er z. B. gar nichts von Sachsen, dessen Bestrafung er später
bekanntlich heftig gefordert hat, weder Gebietsabtretung noch Kontribution,
noch Abdankung des Königs? Wir haben es hier ja zweifellos mit einer schnell
hingeworfenen Augenblicksäußerung Wilhelms zu tun. Sollte aber ein so
wichtiger Punkt wie das künftige Schicksal Sachsens vom König, der sogar
an Reuß und Meiningen dachte, wirklich ganz vergessen worden sein? Oder
wäre es nicht eher denkbar, daß Sachsen nicht erwähnt wurde, weil über dieses
Land zwischen dem König und Bismarck schon früher ein Meinungsaustausch
stattgefunden hatte und Einigung darüber erzielt war, daß jedenfalls ein
erheblicher Teil von Sachsen in Preußen einzuverleiben sei?t Wir werden
sehen, daß Bismarck schon am 4. Juli diese Einverleibung gefordert hatte.
Wie aber hat man die Suprematie über ganz Deutschland zu verstehen?
Lag darin ein Hinausgehen über die früher in dem Bundesreformprojekt
vom ro. Juni von Preußen für die Neugestaltung Deutschlands aufgestellten
Gesichtspunkte? Sollten nach des Königs Meinung auch die süddeutschen
Staaten jetzt in eine ebenso enge Verbindung mit Preußen gebracht werden,
wie es für die norddeutschen Gebiete beabsichtigt war? Sollten sie ihre
Truppen — denn das war doch die Hauptfrage — unter den Oberbefehl Preußens
stellen??
Ich glaube nicht, daß man so weitgehende Folgerungen aus diesen vieldeutigen
Worten ziehen darf. Vielmehr scheint mir aus dem Inhalk der Aufzeichnung
deutlich hervorzugehen, daß auch der König für die Jukunft ein
anderes Verhältnis der norddeutschen als der süddeutschen Dynastien zu dem
preußischen Herrscher voraussetzt. Weswegen hätte er sonst die persönliche
Abdankung der preußenfeindlich gesinnten norddeutschen Fürsten verlangt,
die der süddeutschen aber nicht? Offenbar doch deshalb, weil für
das engere Bundesverhältnis, in welches die norddeutschen Staaten zu
Preußen treten sollten, das Verbleiben der Preußen feindlich gesinnten
Herrscher in ihrer hohen Stellung als unmöglich erschien, während dies für
die süddeutschen Fürsten, wenn diese nur in loserer Verbindung mit Preußen
stehen sollten, nicht in dem gleichen Maße der Fall war. Jedenfalls ist es
sehr unwahrscheinlich, daß der König seinem Wunsche nach Suprematie über
ganz Deutschland eine besonders hohe Bedeutung beigelegt habe. Dies
Verlangen wird durchaus nicht besonders hervorgehoben; es wird als ein
1 Zu dieser Vermutung gelangt auch Thimme 415, ohne sie indessen weiter zu verwerten.
: So im Grunde doch schon Sybel, noch einseitiger Lorenz, Kaiser Wilhelm und die Begründung
des Reichs S. ös, der auf Grund dieser Worte den König als Vorkämpfer wahrer
nationaler Einheit gegenüber Bismarck preist. Ferner Busch, S. 448, der meint, gerade
wegen dieser Mehrforderung gegenüber dem früheren Programm sei der König so zurückhaltend
in seinen sonstigen Wünschen gewesen. Dagegen teilt Muth S. 12f. meine Auffassung.