Full text : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

44.  1611  101

seine  eigene  Autorität,  ja  selbst  die  Religion  gefährdet,  die  Privi-  Februar  5.
legien  zum  Nachteil  der  obersten  Gewalt  erweitert  und  schliesslich

eine  völlige  Exemtion,  wie  auch  an  andern  Orten,  durch  heimliche
Praktiken  der  Gegner  des  Hauses  gesucht  werden  würde;  der  König

wird  gewiss  in  sich  gehen,  diese  heimlichen  Anschläge  wahrnehmen

und  dem  Kaiser  in  allem,  worin  er  ihn  wider  Verträge,  Recht  und
Billigkeit  beleidigt,  zur  Verhütung  gefährlicher  Weiterungen  Genugtuung

  geben.  Sicherlich  werden  auch  die  Erzherzoge  Maximilian  und
Ferdinand,  zu  denen  der  Kaiser  schicken  will,  sich  in  diesem  Sinne
bemühen.

2.  Was  den  für  das  elsässer  Volk  begehrten  Pass  durch  unser
Land  nach  Oesterreich  gegen  den  König  oder,  falls  dieser  sich
akkomodiert,  für  das  passauer  Kriegsvolk  gegen  die  Possidierenden  betrifft,
möge  sich  der  Kaiser  erinnern,  dass  wir  und  unsere  Voreltern  uns  zu
allen  Zeiten  dem  Hause  Oesterreich  und  dessen  Kaisern  als  gehorsame
Beichsfürsten  erwiesen  haben,  wie  eben  auch  aus  unserm  Verhalten
gegen  das  passauer  Volk  zu  sehen  ist,  das  seinen  Weg  meist  durch
unser  Land  genommen  hat,  von  da  aus  mit  Proviant  vorsehen,
vor  Zertrennung  in  seinem  Quartier  durch  unsere  Nachbarschaft  und
die  Bücksicht  gegen  uns  behütet  worden  ist,  was  alles  man  an
andern  Orten  kaum  getan  hätte.  —  Diese  getreue  Affektion  werden
wir  in  allem  Verantwortlichen  noch  fortsetzen,  müssen  aber  wegen  dieses
Begehrens  dem  Kaiser  unsere  getreue  Meinung  dahin  eröffnen,  dass  wir
wol  merken,  dass  der  Kaiser  auf  die  Schickung  nach  Wien  wenig  Hoffnung
setzt  und  gewillt  ist,  mit  dem  elsässer  und  passauer  Volk  seinen
Bruder  zu  bekriegen.  Wir  besorgen  dabei  aber:  1.  Der  König  und
die  Oesterreicher  werden  sich  dagegen  aufs  stärkste  gefasst  machen,
wie  bereits  geschieht.  2.  Die  Ungarn  und  Mährer  werden  ihren  König
nicht  hilflos  lassen,  zumal  sie  sich  dadurch  auch  desto  mehr  vor  zu
besorgender  Ahndung  wegen  des  wider  den  Kaiser  Begangenen  sichern.
3.  Des  Königs  Lande  stehen  mit  den  Böhmen  in  starker  Korrespondenz,
haben  diese  auch  bereits  um  Hilfe  angerufen  und  werden  auf  sie
um  so  mehr  zählen  dürfen  als  ihr  König  auch  zum  böhmischen  designiert
ist  und  die  Unkatholischen  dabei  zu  grösseren  Privilegien  und  anderen
Neuerungen  zu  des  Kaisers  Praojudiz  zu  gelangen  hoffen.  4.  Man
sagt  auch,  dass  der  König  durch  seine  Leute  mit  den  protestantischen
Reichsständen  unterhandle  und  neulich  dahin  und  nach  Frankreich
eigene  Gesandte  abgeordnet  habe;!  auch  die  österreichischen  Länder
sollen  sich,  wie  einige  eröffnete  Briefe  ergeben,  auf  solchen  Fall
mit  den  Protestanten  verbunden  haben,  die  ohne  Zweifel  wegen
ihrer  Glaubensgenossen  „und,  damit  hiedurch  die  eingefierte  novation
  in  glaubenssachen  der  orten  nit  zugleich  wieder  cassirt
werde,“  dem  König  beistehen,  „zugleich  mit  dieser  erwinschten  gelegenheit
  die  gülchische  sach,  deren  execution  man  sich  hoch  besorgt,
weit  von  ihnen  aus  dem  reich  in  die  erzherzogischen  länder  sowohl

ı  Vgl.  oben  no.  21,  besonders  8.  53,  Anm.  2.