476 II. Thätigkeit der Verwaltung.
keiten an, Ordnung und Satzung nach eines jeden Landes Gelegenheit zu
geben, soweit nicht die Reichsgesetze Bestimmungen enthalten.!) Im Laufe
des 16. Jahrhunderts wurden denn auch zahlreiche landesherrliche Verordnungen
erlassen, die mehr und mehr die Selbstverwaltung und Autonomie
der Zünfte zu beschränken suchten.?) Gleichzeitig suchten die Landesherrn
aber auch den Gewerbebetrieb zu fördern, indem sie einerseits die Zünfte gegen
die Konkurrenz der Landhandwerker schützten und den Betrieb von Gewerben
mit Ausnahme derer, die der täglichen Nothdurft dienten, auf dem platten
Land verboten, 2) und indem sie andererseits eine positive Gewerbepolitik
betrieben, durch welche sie einzelne Gewerbe einheitlich für das ganze Land
ordneten und durch obrigkeitliche Reglements zu normiren sich bestrebten.“)
Indeß trotz alledem hörten die Klagen über die Zünfte und ihre Mißbräuche
nicht auf. Solange ein landesherrliches Beamtenthum noch nicht
ausgebildet war, hatten für den Vollzug der Vorschriften die Stadtobrigkeiten
Sorge zu tragen, die aber selbst unter dem Einfluß der Zünfte standen
und diejenigen Anordnungen, die nicht im vermeintlichen Interesse der Zünfte
lagen, in Vergessenheit gerathen ließen. Die im 17. und 18. Jahrhundert
wiederholt vom Reich erlassenen Vorschriften über das Gewerbewesen. namentlich
der Reichsschluß von 1731 über Abstellung der Handwerksmißbräuche
und Unordnungen, wurden in den einzelnen Territorien doch nur soweit ausgeführt,
als dies von den Landesherrn beliebt ward. Während in den
Reichsstädten die Zünfte jedes energische Einschreiten zu verhindern wußten.
hier die Zünfte aber auch den Höhepunkt ihrer Entartung erreichten, nahm
1) RPol O. v. 1530, Tit. 39; von 1848, Tit. 36, 37; von 1577, Tit. 37, 38. Dazu
Reichsabschied von Augsburg von 1559, 5 75—77; von Spever v. 1570, 5 152.
2) Siehe die von Gierke III, 767 angeführten LandesO.; vgl. serner Wäch ter, Württemb.
Privatrecht I. 113; v. Freyberg a. a. O. Uber die Vereinbarung von Kurbrandenburg,
Kursachsen und Hessen in betreff des Zunstwesens von 1541 siehe die Brandenb.
V. v. 1541 (Mylius, C. C. M. V2, 279 u. ff.) und das Ausschreiben des Herzogs Moritz von
Sachsen von 1543 „Cod. Aug. I, 22.)
3) S. schon die Säch sische LandesO. von 1482 (Cod. Aug. I, 11); serner Neumär
kische PolO. von 1540 (C. C. M. VI, 42, 49) und die Brandenburg. V. v. 1653, wonach
der Bestand der in den Dörfern im Jahre 1624 befindlichen Handwerkerstellen nicht überschritten
werden durste (C. C. M. V., 678 u. f.). Braunschweig.= Lüneburg, Landtags-Absch, von
1601, Art. 51 u. s. w. — Uber das Recht der Bannmeile im Mittelalter s. Stieda a. a. O.
S. 99 u. f. — In den meisten süddeutschen Territorien ward dagegen im 17. und 18. Jahrh. das
Bannrecht der Städte aufgehoben. S. Moser, Von der Landeshoheit in Polizeisachen S. 180;
v. Kreittmayr, Anmerk. zu Cod. Max. Bav. V. 2402.
4) Diese Fürsorge widmeten die Landesherrn vor allem der Tuch- und Leinwandindustrie. S.
über die Chur säch s. Tuchscherer O. von 1545 Schmoller, Tucher- und Weberzunft S. 187 u. f.
Den Wollkauf, die Tuchschau, das Tuch= und Zeugmachen, das Färben, den Flachs und Garnhandel,
die ganze Leineweberei suchte man in Sachsen, Württemberg, Hessen, Bayern, später
vor allem in Brandenburg= Preußen durch Reglements zu ordnen und für sie innerhalb des
landesherrlichen Territoriums eine wirthschaftliche Einheit herzustellen. Vgl. Schmoller, Straßburger
Tucher- und Weberzunft S. 188.
5) Vgl. Sieber, Von den Schwierigkeiten in den Reichsstädten das Reichsgesetz von 1731
zu vollziehen, 1771; s. auch Schlözer's Briefwechsel VI, 217 u. f.