46 Die Völkerwanderung.
stimmte. Zehn Jahre später erlag auch der letzte unabhängige Statthalter Galliens
Syagrius in Soissons dem Schwerte des Frankenkönigs Chlodwig, worauf in Europa ein
neuer durch Christentum und Germanentum begründeter Zustand eintrat. So sank das
römische Weltreich unter den Streichen germanischer Krieger. Alle Stämme haben bei
der großen Tat der Zerstörung mitgewirkt, doch ohne Plan und Verabredung, gleichsam
willenlos dem Schicksal dienend. Aber die Erinnerung an den großen gemeinsamen
Wettkampf gestaltete sich zu reichen Sagenkreisen, aus denen die deutschen Sänger aller
Stämme ihre Stoffe holten, wie einst die griechischen aus dem Trojanerkrieg. Die deutsche
Heldensage, die von Geschlecht zu Geschlecht fortwuchs, immer neue Lieder zeugend, hat
ihre Wurzeln in dem großen Völkerkampfe in Rom. Wie wunderbar erscheint aber nun
der Gang der Weltgeschichte. Die Auflösung des occidentalischen Reichs mußte ganz
allmälig erfolgen, damit so viele Keime einer höheren Kultur gerettet wurden, als nötig
waren, um zunächst die zerstreute germanische Völkerwelt selbst enger in sich zu ver—
binden, dann aber die Grundlage einer neuen nationalen Geistesentwicklung zu werden.
A. Theoderich der SGroße und seine Zelt 476 - 526.
Schwer zu leiden hatte das oströmische Reich nun unter Odoaker und seinen Ost—
goten. Der Sohn eines ihrer Fürsten, aus dem Geschlechte der Amaler, Theoderich, selbst
in Konstantinopel gebildet, und um die Zeit des Falles von Westrom zum König aller
Ostgoten erwählt, wurde vom Kaiser zur Wiedereroberung Italiens aufgefordert, und
im Jahre 488 zog er gegen Odoaker. Lange schwankte das Kriegsglück zwischen beiden
hin und her, zuletzt aber schlug Theoderich den Odvaker an der Adda, und nahm nach
dreijähriger Belagerung 492 Ravenna ein. Odoaker wurde bald darauf erschlagen. Nun
nahm Theoderich den römischen Purpur an, und herrschte von Ravenna aus über JItalien.
Er wollte römische und gotische Reiche mit einander verschmelzen, um die verwüsteten
Länder wieder emporzubringen. Nach außen waren Theoderichs hauptsächlichste Sorgen
die Vandalen und Burgunder. Den Vandalenfürsten Gundamund brachte er zu einer
Uebereinkunft, durch welche Sizilien dem Ostgotenreich zurückgegeben wurde, den Burgundenkönig
Gundobald bewog er mit Hilfe des Bischofs von Pavia, die Gefangenen teils umsonst,
teils gegen ein mäßiges Lösegeld zum Bebauen der verödeten Fluren herauszugeben.
Die Alemannen, die sich nach der Schlacht bei Zülpich zu den Goten geflüchtet hatten,
siedelte er in Rhätien an, und setzte alle seine Kraft an die Verwirklichung des Gedankens,
die deutschen Fürsten durch Vertrag und lUlebereinkunft zu einigen, und alle germanischen
Stämme in einen großen Völker= und Friedensbund zu ziehen. Zu diesem Zwecke knüpfte er
mit den meisten Königen Bande der Blutsverwandtschaft und er selbst führte die Schwester
des mächtigen Frankenkönigs als Gemahlin heim. Dieser mächtige Frankenfürst, Chlodwig,
freilich kannte für seine Machtgelüste keine Grenzen. Den Westgotenkönig Alarich überzog
er mit Krieg, und nur dem tatkräftigen Eingreifen Theoderichs gelang es, dem Sohne
des gefallenen Königs, Amalarich, einen Teil des väterlichen Erbes auf der Nordseite der
Pyrenden zu erhalten. Er selbst bemächtigte sich des südlichen Landes bis an die Rhone
und fügte es dem Königreich Italien bei. In seinem eigenen Reich freilich suchte