Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Verlegung  des  Kongresses  nach  Potsdam.  51

Energie  verfechten  werde,  ob  endlich  Hsterreich  auch  als  konstitutioneller  Staat
mit  Deutschland  eng  werde  vereint  bleiben  wollen  oder  nicht.

In  Wien  selbst  faßte  man  die  Verlegung  nach  Potsdam  anfangs  jedenfalls
nicht  als  Feindseligkeit  auf;  man  gedachte  auch  dorthin  einen  Vertreter  zu
schicken.:  Den  Gedankengang  der  preußischen  Staatsmänner  aber  wird  man
sich  etwa  so  vorskellen  dürfen,  daß  sie  glaubten,  nach  der  Niederlage  der  österreichischen
  Regierung  werde  die  ganze  Last  der  Verteidigung  der  alten  Ordnung,
  soweit  diese  überhaupt  noch  zu  erhalten  sei,  auf  Preußen  fallen.  Der
König  wollte  daher  persönlich  mit  den  Vertretern  der  deutschen  Staaten  reden
und  ihren  Verhandlungen  beiwohnen;  er  glaubte,  gerade  weil  durch  das  Eintreffen
  der  Wiener  Nachrichten  die  Erregung  auch  in  seinen  eigenen  Staaten
fortwährend  stieg,  diese  nicht  mehr  verlassen  zu  können;  er  wußte,  daß  eine
Gesandtschaft  der  süddeutschen  Höfe  zu  ihm  unterwegs  war;  mußte  es  da
nicht  am  einfachsten  scheinen,  auch  die  übrigen  Vertreter  in  eine  der  preußischen
Residenzen  zu  berufen?  Schnelligkeit  tat  vor  allen  Dingen  not;  schneller  schien
der  Kongreß  nicht  versammelt  werden  zu  können,  als  auf  diese  Art.2  Einen
Augenblick  überlegte  man  auch  in  Berlin,  ob  Hsterreich  vielleicht  diese  Verlegung
  übelnehmen  könne;  man  kam  aber  zu  dem  Ergebnis,  auch  die  dortige
Regierung  werde  einsehen,  daß  schnelles  und  einheitliches  Handeln  nur  so  zu
erzielen  sei,  und  daß  Preußens  Vorgehen  auch  schließlich  Österreich  zugute

1  Noch  am  al.  März  hielt  man  daran  fest,  wie  der  Bericht  des  sächsischen  Gesandten  in
Wien  bei  Hassel  555  Anm.  2  zeigt.  Das  österreichische  Zirkular  vom  24.  März  (Roth  u.
Merck  S.  159)  sagt  ausdrücklich,  Osterreich  habe  der  von  Preußen  angeregten  Verlegung  des
Kongresses  nach  Potsdam  zugestimmt,  und  sei  nur  durch  das  preußische  Patent  vom  21.  März
bewogen  worden,  seine  Bereiligung  zu  versagen.  Hz.  Ernst  II.  von  Coburg  (Aus  meinem
Feben  1,  260)  behauptet  sogar,  daß  Graf  Colloredo  von  Wien  aus  bereits  den  Auftrag  erhalten
  habe,  die  Sitzungen  in  Frankfurt  zu  schließen  und  sich  selbst  nach  Potsdam  zu  begeben,
  „wohin  der  Bundestag  temporär  verlegt  sei“.  Er  beruft  sich  dabei  auf  eine  (wohl
allen  Bundestagsgesandten  mitgeteilke)  Depesche,  deren  Wortlaut  bisher  nicht  bekannt  geworden
  ist.  Rachfahl  7,  270  zitiert  nach  unbestimmter  Erinnerung  einen  von  ihm  eingesehenen,
  dann  aber  aus  seinen  Exzerpten  gestrichenen  Bericht  von  Radowitz  vom  20.  März,
wonach  Okterreich  seine  Bekeiligung  davon  abhängig  gemacht  hätte,  daß  es  nicht  überstimmt
werden  dürfe.  Auch  wenn  das  richtig  ist,  hat  Osterreich  sich  zu  der  Verlegung  nach  Potsdam
nicht  prinzipiell  ablehnend  verhalten.

:  Vgl.  Canitz  an  Radowitz  16.  März  (Rachfahl?,  200).  „Mehr  als  jemals  ist  es  aber  nunmehr
  notwendig,  die  Initiative  zu  einer  Reform  zu  ergreifen,  damit  nicht  die  Projekte  zu
einem  deutschen  Parlamente,  auf  revolutionärem  Wege  vorgebracht,  den  Beratungen  der
Regierungen  zuvoreilen.“  Ahnlich  an  Arnim  16.  März  a.  a.  O.  Die  Weisungen  an  Dönhoff
und  Böckelberg  (a.  a.  O.  201  ff.)  stehen  dazu  nicht  im  Widerspruch;  sie  betonen  nur,  daß
jetzt  niemand  mehr  werde  sagen  können,  Preußen  handle  unter  dem  Einfluß  österreichischer
Reaktionsgelüste,  und  bektonen  sodann  scharf  die  erhöhte  Notwendigkeit  für  Preußen,  sich
des  gemeinsamen  deutschen  Wohles  schnell  und  mit  aller  Kraft  anzunehmen.  Man  könne
dies  jetzt  nicht  mehr  als  Selbstsucht  auslegen,  da  die  äußerste  Not  dränge.

4*