Metadata : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

10  Max  Seydel.  [282

Allein  auch  hievon  abgesehen  ist  die  Erwägung  ausschlaggebend,  daß
die  Urheber  der  Verfassung  gar  nicht  beabsichtigten,  einen  Grundsatz  für
die  Stimmenvertheilung  im  Bundesrathe  auszusprechen.

Dies  erhellt,  wie  schon  Löning  (in  Hirth's  Annalen  1875  S.  368)
bemerkt  hat,  mit  aller  Deutlichkeit  aus  den  Aeußerungen  des  Grafen  von
Bismarck  im  verfassungberathenden  Reichstage  des  norddeutschen  Bundes  1).

„Jede  Stimmvertheilung  dieser  Art.“  so  erklärte  der  Minister,  „hat
nothwendig  etwas  Willkürliches..  Die  hier  vorliegende  Vertheilung
hat  einen  ganz  außerordentlichen  Vorzug,  der  namentlich,  je  mehr  Spielraum
  der  Willkür  geboten  ist,  um  so  schwerer  ins  Gewicht  fällt,  nämlich
denjenigen,  daß  die  Regierungen  sich  darüber  geeinigt  haben..  Warum
haben  sie  sich  darüber  geeinigt?  Weil  hier  eine  zwar  auch  willkürliche
Vertheilung  vorliegt,  die  aber  50  Jahre  alt  ist  und  an  die  man  sich  50
Jahre  gewöhnt  hat.  Es  hat  in  den  Münschen  der  Regierungen  gelegen,
daß  diesen  Motiven  gerade  Ausdruck  gegeben  werde.  Wir  legen
darauf  Werth,  daß  dieser,  wie  der  Herr  Vorredner  bereits  bemerkte,  jedenfalls
  unschäd  liche  Zusatz  beibehalten  werde.“

Eine  willkürliche  Vertheilung,  ein  bloßes  Motiv,  ein  unschädlicher  Zusatz:
  das  ist  doch  wohl  kein  Rechtsgrundsatz.  )

Die  Stimmenzahl,  welche  den  Verbündeten  nach  Artikel  6  Absatz  1
der  Verfassung  zukommt,  ist  nicht  nur  für  die  Abstimmung  im  Bundesrathe,
  sondern  auch  für  dessen  Zusammensetzung  von  Bedeutung.

Jedes  Mitglied  des  Bundes  kann  so  viel  Bevollmächtigte  zum  Bundesrathe
  ernennen,  als  es  Stimmen  hat.  (Verfaffung  Artikel  6  Absatz  2.)

Wie  die  Absendung  von  Bevollmächtigten,  so  ist  auch  die  Stimmabgabe
  im  Bundesrathe  nur  Recht,  nicht  Pflicht  der  Verbündeten.  Enthalten
  sich  die  Vertreter  der  Abstimmung,  so  werden  die  Stimmen  der
Auftraggeber  nicht  gezählt.  3)  (Verfassung  Artikel  7  Absatz  3.)

Einen  Fall  kennt  die  Reichsverfaffung,  in  welchem  ein  Bundesglied
im  Bundesrathe  seine  Stimme  gar  nicht  abgeben  darf,  dann  nämlich,
wenn  es  sich  um  einen  Gegenstand  handelt,  bezüglich  dessen  die  Zuständigkeit
  des  Reiches  für  das  Gebiet  des  betreffenden  Bundesgliedes  verfassungsmäßig
  gänzlich  ausgeschlossen  ist.

Artikel  7  Absatz  4  der  Verfassung  drückt  dies  in  folgender  Form  aus:

„Bei  der  Beschlußfassung  über  eine  Angelegenheit,  welche  nach  den  Bestimmungen
  dieser  Verfassung  nicht  dem  ganzen  Reiche  gemeinschaftlich  ist,
werden  die  Stimmen  nur  derjenigen  Bundesstaaten  gezählt,  welchen  die
Angelegenheit  gemeinschaftlich  ist.“

Diese  Vorschrift  hat  nur  die  verfassungsrechtliche,  nicht  die  thatsäch-1)

  Bezold,  Materialien  der  deutschen  Reichsverfassung,  I  S.  649.

6)  Uebereinstimmend  Löning  a.  a.  O.  S.  367;  anderer  Meinung  Laband  in  den
Annalen  1874  S.  1510  und  Staatsrecht  des  deutschen  Reichs  I  S.  235.  Die  Frage,
ob  die  Stimmenzahl  im  Bundesrathe  zu  den  durch  Art.  78  der  Verfassung  geütten

  Sonderrechten  gehört,  ist  hier  nicht  zu  erörtern.

3)  Dieses  Präjudi  bezieht  sich  nur  auf  die  Berechnung  der  Mehrheit,  nicht  auf
iene  Haue  wo  die  Zustimmung  eines  einzelnen  Verbündeten  verfassungesrechtlich
9  ist.