Gedanken und Erinnerungen von Otto Fürst von Bizmarck. 67
1854 zu einer falschen Parteinahme für die Westmächte, 1859 fast zur
Teilnahme am italienischen Kriege hindrängen. Aber mehr und mehr
siegt in ihm das Augenmaß für die Realitäten, der stolze Patriotismus
und die Einsicht in das Staatsinterefse Über die konservativen Traditionen
der heiligen Allianz, über romantische Einflüsse und die hofliberalen
Koterien. Immer wieder betont Bismarck, daß man in der
auswärtigen Politik nur Schaden stiftet, wenn man Sympathien, traditionellen
Gefühlen, allgemeinen Stichworten, wie Legitimität oder Kampf
gegen die Revolution, folge. Es ist in seinen Werdejahren ein Lieblingsthema
gegenüber seinen konservativen Freunden, wie falsch es sei,
wenn man einen Mann wie Napoleon III. reize und zurückstoße, weil
man sich in Berlin noch in der Stimmung von 1813 fühle. Nur das
Interesse des eigenen Staates dürfe maßgebend sein, das man freilich
mit weitem Blick, mit Abwägung aller Beziehungen klar und scharf
und mit keckem, kühnem Mute erfassen müsse; in den Augenblicken des
Erfolges dürse man aber auch nicht etwa zur Befriedigung nationaler
Eitelkeit oder militärischen Ruhmes einen Schritt zu weit gehen.
Die historische Abwandelung der preußischen Beziehungen zu Rußland,
Osterreich, Frankreich in erster Linie, zu Italien, England, den
anderen deutschen Staaten in zweiter Linie wird in allen ihren Phasen,
Möglichkeiten, Spannungen und Annäherungen geschildert; völkerpsychologische
Bilder wechseln mit der Erörterung des Einflusses der Regierungssysteme;
es wird für keinen heranwachsenden deutschen Diplomaten
ein lehrreicheres Studium geben, als das dieser Blätter, wenn auch
heute die mitsprechenden Faktoren teilweise schon wieder etwas andere
find, als in der Zeit von 1850—1890, auf welche die Erörterung sich
bezieht.
Die Frage, wann, für was, in welcher europäischen Konstellation
Preußen oder Deutschland zum Kriege schreiten dürfe, die Erklärung,
warum die Kriege 1864, 1866, 1870 berechtigt, die drohenden, teilweise
auch in Deutschland gewünschten, 1867, 1875 abgewendet werden
mußten, steht im Mittelpunkt dieser Erörterungen. Und damit verknüpft
sich natürlich die andere, durch welche Bündnisse Deutschland feine
Stellung behaupten und stärken müsse. Es ist nicht unsere Sache,
hierauf einzugehen. Vielleicht am lehrreichsten ist dabei, was Bismarck
über Osterreich und den Dreibund, über seine bis 1850 zurückreichende
Absicht äußerte, Österreich die Führung Deutschlands abzunehmen, aber
zu ihm in das Verhältnis eines engeren Bundes zu kommen. Bismarck
ist bis 1850 gut österreichisch. Erst Schwarzenbergs Devise in Bezug
auf Preußen: „Avilir, puis démolir“ öffnet ihm die Augen darüber, daß
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