Volltext : Im alten Reichstag. Band I. (1)

Vorwort.

Unser  altgewohntes  Reichstagsgebäude  wird  verlafsen  und  der
neue  prächtige  Monumentalbau  am  Königsplatz  bezogen.  Volle
dreiundzwanzig  Jahre  hat  der  Reichstag  Sitzung  gehalten  in
den  bescheidenen  Räumen,  welche  zum  Oktober  1871  nur  als  provisorische
  Unterkunft  eingerichtet  worden  waren.

Ebensolange  und  noch  länger  —  seit  Frühjahr  1871,  der
ersten  Session  des  Deutschen  Reichstags,  —  habe  ich  demselben
ununterbrochen  angehört.  Unter  den  zeitigen  Reichstagsabgeordneten
find  wir  nur  noch  Elf,  welche  über  32  Sessionen  dieses  Zeitraums
als  Teilnehmer  berichten  können.

Welche  gewaltige  Fülle  parlamentarischer  Erinnerungen  aber
drängt  sich  herauf  in  dem  Augenblick,  wo  wir  die  Stätte  so  vieler
wichtiger  Begebenheiten  und  heißer  Kämpfe  verlassen.  Es  wird  vor
dem  geistigen  Auge  wieder  lebendig  die  lange  Reihe  Verstorbener,
die  im  alten  nunmehr  verlassenen  Sitzungssaale  so  viele  Jahre  hindurch
  mit  uns  zusammen  gewirkt  und  gearbeitet  haben.  Auch  die
Überlebenden,  die  unter  der  Bürde  der  Jahre  sich  von  den  aufregenden
  Kämpfen  zu  beschaulicher  Ruhe  zurückzogen,  gewinnen  in
unserer  Erinnerung  die  volle  Manneskraft  und  die  alte  Kampfesfrische
  zurück,  in  der  wir  gewohnt  waren,  sie  auf  ihren  Plätzen  zu
sehen,  als  Freunde  zu  begrüßen  oder  als  Gegner  zu  bekämpfen.
Denn  dort  im  alten  Gebäude  ist  für  uns  Altere  kein  Platz,  auch
kein  Kommissionszimmer  und  kein  Fraktionssaal,  an  den  sich  nicht
eine  Summe  politischer  oder  persönlicher  Erinnerungen  knüpft.  Bald
aber  wird  dort  alles  umgestaltet  und  von  Grund  aus  verändert  sein.

Der  parlamentarische  Umzug,  für  die  jüngeren  Kollegen  nur
eine  Tagesbegebenheit,  markiert  für  uns  Alteren,  die  wir  die  besten