Volltext : Die Hohenzollern und ihr Werk.

138  Das  Jahrhundert  der  Reformation.

Abwendung  der  Lutheraner  von  den  Calvinisten  sich  vollzog  und  die  Kurfürsten
von  Brandenburg  und  Sachsen  mit  ihren  Hoftheologen  1577  die  Konkordienformel
  als  bindendes  Bekenntnis  für  ihre  Landeskirchen  festsetzten,  durch  die  in
der  schärfsten  und  engherzigsten  Weise  das  orthodoxe  Luthertum  gegen  alle
calvinistischen  Anwandlungen  abgesperrt  und  geschützt  werden  sollte.  Es  war
zugleich  ein  Akt  ängstlicher  reichsfürstlicher  Politik,  durch  den  man  eine  Verflechtung
  in  die  Kämpfe  des  westeuropäischen  Calvinismus  vermeiden  wollte.

Die  Wehrlosigkeit,  in  die  dadurch  der  deutsche  Protestantismus  gegenüber
den  katholischen  Restaurationsgelüsten  im  Reiche  geriet,  wurde  für  Brandenburg
besonders  schmerzhaft  empfindlich  in  der  Frage  des  Magdeburger  Sessionsstreits.
Auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg  1582  wollten  die  katholischen  Reichsstände  dem
Administrator  Joachim  Friedrich  nicht  gestatten,  seinen  Sitz  im  Fürstenrate  einzunehmen,
  und  Kurfürst  Johann  Georg  sah  sich  bei  der  Lage  der  Dinge,  zumal
da  es  sich  um  die  Bewilligung  einer  Türkenhilfe  handelte,  gezwungen,  seinem
Sohne  den  Rat  zu  geben,  im  Interesse  einer  ungestörten  Erledigung  der  Reichsgeschäfte
  sich  mit  Protest  zurückzuziehen.  Als  im  selben  Jahre  der  Kölner  Erzbischof
  Gebhard  von  Truchseß  zum  Calvinismus  übertrat  und  trotzdem  die
Herrschaft  über  das  Erzstift  zu  behalten  wünschte,  da  trat  zwar  Brandenburg  mit
Pfalz  und  Sachsen  beim  Kaiser  für  ihn  ein;  aber  für  Sachsen  war  die  Beteiligung
an  diesem  Schritt  von  vornherein  nur  ein  Mittel,  um  die  beiden  anderen  Kurfürsten
  im  Zaum  zu  halten,  und  auch  Brandenburg  hat  sich  unter  dem  sächsischen
Einfluß  bald  dazu  entschlossen,  die  Sache  des  Kölner  Calvinisten  fallen  zu  lassen.

Ein  etwas  anderer  Geist  kam  wenigstens  vorübergehend  in  die  protestantische
Fürstenwelt  Deutschlands,  als  in  der  Pfalz  auf  den  lutherisch  gesinnten  Kurfürsten
  Ludwig  VI.  der  calvinistische  Heißsporn  Johann  Kasimir  gefolgt
war  (1583),  der  im  Interesse  einer  allgemeinen  protestantischen  Politik  schon
längst  das  Stillsitzen  der  Kurfürsten  von  Sachsen  und  Brandenburg  verurteilte
und  nun  bestrebt  war,  ein  Bündnis  der  protestantischen  Fürsten  im  Reich  zustande
  zu  bringen,  das  den  westeuropäischen  Calvinisten  die  Hand  reichen  und
namentlich  Heinrich  von  Bourbon  im  Kampf  gegen  die  katholische  Liga  zuhilfe
kommen  sollte.  Er  fand  Verständnis  für  seine  Bestrebungen  bei  dem  Sohne
Johann  Georgs,  dem  magdeburgischen  Administrator  Joachim  Friedrich,  der
zwar  bei  dem  lutherischen  Bekenntnis  beharrte,  aber  den  Haß  der  Lutheraner
gegen  die  Calivinisten  nicht  teilte  und  sich  nicht  scheute,  calvinistische  Räte  zu
gebrauchen;  sein  Kanzler  Dr.  Meckbach,  der  früher  in  hessischem  Dienst  gestanden
hatte,  klug,  maßvoll  und  geschmeidig,  diente  als  Vermittler  zwischen  seinem  Herrn
und  dem  pfälzischen  Führer  der  protestantischen  Aktionspartei.  Auch  der  neue
Kurfürst  von  Sachsen,  Christian  I.,  der  seinem  Vater  August  im  Jahre  1586
gefolgt  war,  ließ  sich  für  die  Ideen  dieser  Partei  gewinnen  und  verftändigte
sich  mit  Johann  Kasimir  Ende  Februar  1590  auf  einer  Zusammenkunft  zu
Plauen  über  die  Begründung  eines  evangelischen  Fürstenbundes.  Seine  Vermittlung
  ist  es  vornehmlich  gewesen,  die  den  von  Christian  Distelmeyer  beratenen
Kurfürsten  Johann  Georg  zum  Anschluß  an  einen  solchen  Bund  gebracht  hat.
Am  3.  Februar  1591  wurde  zu  Torgau,  zunächst  auf  15  Jahre,  ein  Bündnis
geschlossen,  das  ein  bewaffnetes  Corpus  Evangelicorum  herstellen  wollte  und
die  Aufbringung  eines  Hilfsheeres  für  den  damals  um  die  französische  Krone
kömpfenden  Heinrich  von  Bourbon  in  Aussicht  nahm.  Dazu  gehörten  die  Kur-