B. Die tatsächlichen Verhältnisse im kaufmännischen Lehrlingswesen. 447
über, daß früher bei der geringeren Ausdehnung des Handels im
allgemeinen nur solche jungen Leute aus annähernd mit dem Kauf.
mannsstande gleichen Schichten in Lehre gingen, die an späteres
Selbständigmachen dachten, während jetzt zahlreiche Kräfte aus wirtschaftlich
tieferen Schichten dem Handel zuströmen, die immer Hilfskräfte
bleiben werden, dann wird man ohne weiteres schließen
müssen, daß der Charakter der Kaufmannslehre hiervon nicht unerheblich
beeinflußt sein wird. Wenn infolge der großen Ausdehnung
des Detailhandels die Lehrstellen zum Teil kaum auf einem höheren
Stande sich befinden als die Herkunftsverhältnisse der Lehrlinge, so
trägt auch dieser Umstand keineswegs zur Hebung des Lehrlingswesens
im allgemeinen bei. Wir haben, wie auch die Zustände in
der Gehilfenschaft bekunden, eine erhebliche Proletarisierung des
Lehrlingswesens im Handelsgewerbe festzustellen.
Damit steht im deng ten Zusammenhange die Vorbildung, die
die jungen Leute in die Lehre mitbringen. Der überwiegende Teil
der Handelslehrlinge hat nur Volksschulbildung. Wenn wir zunächst
wieder die erwähnte Erhebung des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes
(S. 63 ff.) zu Rate ziehen, so ergibt sich, daß von
32741 Gehilfen 65,71 % nur de Volksschule besucht hatten, während
12,74% aus der Mittelschule kamen. Auch die Erhebung der
Handelskammer Braunschweig über die Schüler der kaufmännischen
Fortbildungsschule in Braunschweia (wohl 1902 oder 1903; siehe
Eckriften bes Verbandes für das kaufmännische Unterrichtswesen
Bd. 3 3) hat ergeben, daß von 603 Schülern 87 % Elementaroder
our 5 gleichzustellende Schulbildung hatten. Nach einer von
der Handelskammer Stuttgart im Jahre 1904 veranstalteten Erhebung
über die Vorbildung der in kaufmännische Geschäfte Württembergs
(8 Städte) eintretenden jungen Leute waren von 2687 Lehrlingen
1003 Volksschüler; die Mittelschüler sind nicht E—P—Ni
(Das Lehrlingswesen im Handelsgewerbe, Schrift des Deutschnationalen
Handlungsgehilfenverbandes S. 9). —8 dem Jahresbericht
der Hamburger Ortsschulbehörde vom Jahre 1901 geht
hervor, daß von 1492 Schülern der Hamburger Schulen, die sich
dem Kaufmannsstande zuwandten, 1132 aus den Voklksschulen
hervorgegangen waren (ebenda S. 9). Von den Schülern der kaufmännischen
Vortbilhungsschule. in Karlsruhe im Jahre 1906/07
hatten 72% lediglich die Volksschule, 28 ½ eine Litiiishule besucht
(Das Lehrlingswesen im Handelsgewerbe, Schrift 15 des Verbandes
Deutscher Handlungsgehülfen zu Leipzig. sstnsss es 1907
S. 12). Nach einer Erhebung der Handelskammer Plauen hatten
von 1925 Lehrlingen 45,94 % einfache und 43,48 % mittlere Volksschulbildung.
Wenn auch die letztgenannten Zahlen über das Schülermaterial
der Fortbildungsschulen nicht ohne weiteres beweiskräftig sind, weil
die Lehrlinge aus höheren Schulen nur zum Teil fortbildungsschulpflichtig
sind, so geht doch aus ihnen sowohl als insbesondere aus
den anderen Ziffern klar und deutlich die Tatsache hervor, daß die
überwiegende Mehrzahl der Lehrlinge im Handelsgewerbe lediglich