198 Der Feldzug im Osten vom 12. Sept. bis 5. Nov. 1914
gehen, war noch nicht vollzählig zur Stelle. Nur einzelne Korps standen so
nahe, daß sie in den Kampf eingreifen konnten, und wurden wahllos in die
Schlacht geworfen, um den Widerskand zu speisen. Das Lnerhörte war
geschehen: Der deutsche Feldherr, den man zwischen der Pilica und der
Kamienna mit allen Kräften im Ringen um die Weichsellinien gefesselt
und von acht Korps bedrängt glaubte, pochte plöhzlich mit eiserner Faust an
die Tore von Warschau und drohte sie einzuschlagen. Und zwar hatte er
diese Bewegung ausgeführt, ohne sich in den Flanken und im Rücken abzudecken.
Alle Versuche der russischen Armee, die Weichsel zu überschreiten
und sich vor Iwangorod zu entwickeln, wurden im Keime erslickt. Man
riet im russischen Hauptquartier auf deutsche Verstärkungen, auf eine
neue Armece, die frisch von Westen und über Piotrkow und Lodz herbeigeführt
worden sei und Warschau angegriffen habe, während Hindenburg
bei Jwangorod gefesselt lag. Niemand hielt es für möglich, daß Hindenburg
zwei und ein halbes Korps bei Auguslow—Suwalki gelassen hatte und den
polnischen Feldzug mik sechs Korps führte, die schon in großen Schlachten
gelämpft hatten und von Verlusten heimgesucht worden waren. Niemand
ahnte, daß er drei davon in einem Gewaltmarsch von Radom und Nowe
Miasto auf Warschau geschleudert hatte, während die anderen Schulter an
Schulter mit Dankls Truppen von Annapol bis Ryczywol die Brückenköpfe
im Kampfe gegen eine doppelte und dreifache bermacht verschlossen hielten.
Als gewaltsamer Angriff auf Warschau ist dieser Vorstoß von den NRussen
aufgefaßt worden, und so hat er auch gewirkt, obwohl er nur als Störung
und Ablenkung diente, um Zeitgewinn zur Durchführung der umfassenden
und entscheidenden Angriffsbewegung in Galizien zu erstreiten. Den rechten
Elügel bei Iwangorod, den linken vor Warschau festgeriegelt, stand Hindenburg
vor den Ausfalltoren der Russen und rüttelte daran, als müßte er
sie nach innen aufstoßen und den Sieg an der Weichsel erkämpfen, um den
die Osterreicher in Galizien rangen.
Die Schlacht am San (erste Phase)
Am San reifte die Entwicklung stockend und langsam. Als die Russen
die Belagerung von Drzemysl aufhoben, erhob sich die Angriffsbewegung der
österreichisch-ungarischen Armeen zu großen Hoffnungen. Mit voller Zuversicht
Fingen sie an die Aufgabe, die sich aus der Gesamtlage ergab und die 2.,
3. und 4. Armee des Erzherzogs Friedrich zum Angriff auf die ihnen gegenüberstehenden
Kräfte rief. Größer und aussichtsvoller als zu Beginn des
Sommerfeldzuges winkte der Erfolg in der Richtung Lublin, der Einbruch
in die Flanke des Zentralraumes der russischen Angriffsbasis zwischen
Weichsel und Bug.