Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach auf das Jahr 1892. (76)

198  Der  Feldzug  im  Osten  vom  12.  Sept.  bis  5.  Nov.  1914

gehen,  war  noch  nicht  vollzählig  zur  Stelle.  Nur  einzelne  Korps  standen  so
nahe,  daß  sie  in  den  Kampf  eingreifen  konnten,  und  wurden  wahllos  in  die
Schlacht  geworfen,  um  den  Widerskand  zu  speisen.  Das  Lnerhörte  war
geschehen:  Der  deutsche  Feldherr,  den  man  zwischen  der  Pilica  und  der
Kamienna  mit  allen  Kräften  im  Ringen  um  die  Weichsellinien  gefesselt
und  von  acht  Korps  bedrängt  glaubte,  pochte  plöhzlich  mit  eiserner  Faust  an
die  Tore  von  Warschau  und  drohte  sie  einzuschlagen.  Und  zwar  hatte  er
diese  Bewegung  ausgeführt,  ohne  sich  in  den  Flanken  und  im  Rücken  abzudecken.
  Alle  Versuche  der  russischen  Armee,  die  Weichsel  zu  überschreiten
und  sich  vor  Iwangorod  zu  entwickeln,  wurden  im  Keime  erslickt.  Man
riet  im  russischen  Hauptquartier  auf  deutsche  Verstärkungen,  auf  eine
neue  Armece,  die  frisch  von  Westen  und  über  Piotrkow  und  Lodz  herbeigeführt
  worden  sei  und  Warschau  angegriffen  habe,  während  Hindenburg
bei  Jwangorod  gefesselt  lag.  Niemand  hielt  es  für  möglich,  daß  Hindenburg
zwei  und  ein  halbes  Korps  bei  Auguslow—Suwalki  gelassen  hatte  und  den
polnischen  Feldzug  mik  sechs  Korps  führte,  die  schon  in  großen  Schlachten
gelämpft  hatten  und  von  Verlusten  heimgesucht  worden  waren.  Niemand
ahnte,  daß  er  drei  davon  in  einem  Gewaltmarsch  von  Radom  und  Nowe
Miasto  auf  Warschau  geschleudert  hatte,  während  die  anderen  Schulter  an
Schulter  mit  Dankls  Truppen  von  Annapol  bis  Ryczywol  die  Brückenköpfe
im  Kampfe  gegen  eine  doppelte  und  dreifache  bermacht  verschlossen  hielten.
Als  gewaltsamer  Angriff  auf  Warschau  ist  dieser  Vorstoß  von  den  NRussen
aufgefaßt  worden,  und  so  hat  er  auch  gewirkt,  obwohl  er  nur  als  Störung
und  Ablenkung  diente,  um  Zeitgewinn  zur  Durchführung  der  umfassenden
und  entscheidenden  Angriffsbewegung  in  Galizien  zu  erstreiten.  Den  rechten
Elügel  bei  Iwangorod,  den  linken  vor  Warschau  festgeriegelt,  stand  Hindenburg
  vor  den  Ausfalltoren  der  Russen  und  rüttelte  daran,  als  müßte  er
sie  nach  innen  aufstoßen  und  den  Sieg  an  der  Weichsel  erkämpfen,  um  den
die  Osterreicher  in  Galizien  rangen.

Die  Schlacht  am  San  (erste  Phase)

Am  San  reifte  die  Entwicklung  stockend  und  langsam.  Als  die  Russen
die  Belagerung  von  Drzemysl  aufhoben,  erhob  sich  die  Angriffsbewegung  der
österreichisch-ungarischen  Armeen  zu  großen  Hoffnungen.  Mit  voller  Zuversicht
Fingen  sie  an  die  Aufgabe,  die  sich  aus  der  Gesamtlage  ergab  und  die  2.,
3.  und  4.  Armee  des  Erzherzogs  Friedrich  zum  Angriff  auf  die  ihnen  gegenüberstehenden
  Kräfte  rief.  Größer  und  aussichtsvoller  als  zu  Beginn  des
Sommerfeldzuges  winkte  der  Erfolg  in  der  Richtung  Lublin,  der  Einbruch
in  die  Flanke  des  Zentralraumes  der  russischen  Angriffsbasis  zwischen
Weichsel  und  Bug.