Die Neuwahlen zum Reichstag 1881. 241
männer und Ordner unter unseren Parteigenofsen, so schrieb ich
damals in der „Parl. Kor.“, ist über jedes Lob erhaben. Nur
dur.y eine freiwillig organisierte Bürgerpolizei, welche in einzelnen
Versammlungen bis zu 200 Mann verstärkt wurde, war es endlich
wieder möglich geworden, die Versammlungsfreiheit in Berlin für
uns wiederzugewinnen, also Versammlungen auch ohne Karten abzuhalten
und gegen raffinierte Störungsversuche zu sichern. Dank
dem energischen Zusammenwirken aller Kräfte in der Fortschrittspartei
wurde unsere Gegenwirkung stärker. Aus der Offenfive
wurden die Gegner in die Defensive zurückgeworfen. Ihr Auftreten
wurde mit dem Herankommen des Wahltages zusehends
matter, obgleich sie immer neue Reizmittel anzuwenden, immer
mehr Kräfte in das Gefecht zu führen trachteten.
Muser Siegestag.
Der 27. Oktober brachte uns reiche Belohnung für alle parlamentarischen
und außerparlamentarischen Anstrengungen der letzten
Jahre. Alle unsere Erwartungen wurden weit übertroffen. Die
Eindrücke des Abends, als in unserem Bureau die Siegestelegramme
einander auf dem Fuße folgten, werde ich nie vergessen. Mitunter
stellten wir telegraphisch Rückfragen an, weil wir die hohen
Ziffern fortschrittlicher Stimmen glaubten auf irrtümliche Meldungen
zurückführen zu müssen. Bei den Wahlen von 1878 waren
385 084 Stimmen für die Kandidaten der Fortschrittspartei abgegeben
worden. Diesmal betrug die Stimmenzahl 655 348. Wir
hatten also 270 264 Stimmen gewonnen. Während 1878 nur auf
60 Kandidaten der Partei mehr als 1000 Stimmen abgegeben wurden,
betrug die Zahl dieser Kandidaten jetzt 113. Unsere Fraktion
zählte am Schluß der Wahlperiode 28 Mitglieder und Hospitanten.
32 Mandate gewannen wir schon im ersten Wahlgang, in 33 Wahlkreisen
standen wir noch zur Stichwahl.
Mit der größten Spannung sahen wir den Wahlergebnissen
von Berlin entgegen nach allen Vorgängen der letzten Zeit. Aber
von Ludwig Löwe, dem besonders angefochtenen jüdischen Kandidaten,
kam in unser Centralbureau die erste Siegesmeldung des
Abends. Auch ich kam glatt durch, und zwar mit Zweidrittelmehrheit.
Ahnlich Virchow und v. Saucken-Tarputschen. Nur im
4. und 6. Wahlkreis ergab sich für uns Stichwahl mit Sozialisten.
Nirgend also waren in Berlin Konservative und Antisemiten auch
nur in die Stichwahl gelangt.
Stöcker suchte seine Getreuen über den niederschlagenden Miß-16