Geschichte des Madchenbildungswesens in Deutschland. SZ
auf einem alten Konzil aufgeworfene Frage, ob die Frau cine Seele
habe. Nach dem Muster des Boccaccio stellte man in umfangreichen
Sammelwerken berühmte Frauen der Sage, Geschichte und Literatur
zusammen, um damit einen unwiderleglichen Beweis für die geistigen
Eisrenschaften der Frau zu erbringen.
Diese Bewegung wurde weiter geführt durch Gottsched und
die von ihm begründete Zeitschrift „Die vernünftigen Tadlerinnen“.
In der deutschen Gesellschaft entstand unter seinem Einfluß der
Typus des „gelchrten Frauenzimmers“; «die immer mehr aufkonnmenden
moralischen Wochenschriften traten wie er für eine vertiefte
Frauenbildung ein — ganz im Gegensatz zu England, wo sie
die Verfechterin gediesscner Frauenbildung, Mary Astell, mit Hohn und
Spott überschütteten. Man ging in Deutschland von dem rationalistischen
Gedanken aus, daß die Frau ihre Pflichten in der Familie
und ihren Kindern gegenüber unmöglich erfüllen könne, ohne „cin
gutes Kinschen in die Vernunft- und Sittenlehre“.!) Andrerseits bewann
man aber die Frau auch im Zusammenhange der bürgerlichen
Gemeinschaft zu betrachten. So dringen die Erziehungsschriften
aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts immer wieder
darauf, alle Frauen für ihre großen Aufgaben als Mutter und als
Bürgerin durch das nötige Wissen auszurüsten. Ja man ging weiter:
die bildungsdurstige Zeit verstand es, daß der Drang nach geistiger
Beschäftigung über das übliche Maß des gebildeten Menschen hinaus
auch in den Frauen lebendig sein könne. Gottsched schlug deshalb
vor, Akademien zu gründen, nach Art der männlichen Universitäten,
auf denen sich die Frauen dem Studium als einem Lebenszweck ergeben
könnten, und die Anerkennung des „gelehrten Frauenzimmers“
ging so weit, daß sogar Universitäten sich herbeilicßen, an Frauen
ihre Grade zu verleihen. Die philosophische Fakultät von Wittenberg
verlich auf Gottscheds Anregung an Mariane von Ziegler, ein hervorragendes
weibliches Mitglied der deutschen Sprachgesellschaft zu
Leipzig, die laurca poetica; an der medizinischen Fakultät in Halle
promovierte mit besonderer Erlaubnis Friedrichs des Grotsen Dorothea
Erxleben; die Universität Gießen verlich einen medizinischen Grad
honoris causa an Regina Siebold und später auch an ihre Tochter, und
1787 erteilte die philosophische Fakultät von Göttingen die Magisterwürde
an Dorothca Schlözer, dic Tochter des bekannten Historikers.
Einen Beweis dafür, wie stark und wic allgemein der Drang der
!) Vgl. dazu Oskar l.ehmann: Vie deutschen moralischen Wuchenschriften des
18. abrhunderts als pädagogische Reformschriften. Leipzig 1893.