Zur Völkerwanderungszeit. 43
zunehmen, daß auf die Dichtung einer Kosmogonie, in
welcher die heiße Flammenwelt Muspelheim und die eisige
Nebelwelt Niflheim eine so große Rolle spielen, der Anblick
von Hekla's Lavaströmen, die über Gletscher rollen,
und der Anblick der Geyserquellen, die aus Schneefeldern
hervor siedendheiße Wasserstralen in die Luft treiben,
eingewirkt haben müsse. Die ganze Größe und Furchtbarkeit
nordischer Natur widerspiegelt sich auch in dem
ungeheuren Phantasiebilde, welches die Edda von der
Götterdämmerung (Ragnarök), d. i. vom Weltuntergang
entwirft. In Uebereinstimmung mit dem, was in der
älteren Edda die Völa vom Vergehen der Welt singt,
sagt das althochdeutsche, im 9. Jahrbundert aufgezeichnete
Gedicht Muspilli: „Die Berge entbrennen, kein Baum
bleibt stehen auf der Erde, die Wasser trocknen aus, das
Meer verdampft, in Lohen vergeht der Himmel, der Mond
fällt herunter, Mittelgart (die Erde) flammt auf, kein
Fels steht fest. Der Tag der Vergeltung fährt über die
Lande, fährt über die Völker mit Feuer.“ In diese entsetzliche
Katastrophe wird alles Seiende hineingezogen,
Menschen und Götter gehen gleichermaßen zu Grunde.
Aber dem Dogma der Vernichtung verknüpft sich das der
Wiedererneuerung: aus dem Trümmerchaos der untergegangenen
ersteht eine neue Erde, eine neue Menschenund
Götterwelt.
Was die mythenbildende Phantasie der Germanen
von Ragnarök gesagt und gesungen, erscheint in jener
Umwälzung Europa's, welche im 4. Jahrhundert n. Chr.