Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beutsches  Reich.  (März  30.)  377

des  russischen  Proletariats.  Sein  Sieg  über  den  Despotismus  bedingt  die
Befreiung  nicht  nur  Rußlands,  sondern  der  ganzen  Menschheit  vom  Banne
des  Krieges  und  des  eroberungslüsternen  Ausbeutungsdranges.  Euch  Vorkämpfern
  des  Sozialismus  und  der  internationalen  Solidarität  senden  wir
unseren  brüderlichen  Gruß.“  Noch  vor  wenigen  Tagen  rief  der  Reichskanzler:
Wehe  dem  Staatsmann,  der  die  Zeichen  der  Zeit  nicht  erkennt.  Er  selbst
aber  geht  achtlos  an  ihnen  vorüber.  Stets  brauchte  der  Reichskanzler  nur
einige  schillernde  Seifenblasen  in  die  Luft  zu  stoßen  und  das  Entzücken
war  in  weiten  Kreisen  groß.  Als  aber  gestern  an  Stelle  der  nichtssagenden
Phrase  eine  bestimmte  Tat  treten  sollte,  hat  er  versagt.  Die  Junker  haben
auch  in  der  inneren  Politik  über  den  Kanzler  gesiegt,  wie  Herr  v.  Tirpitz
in  der  äußeren.  Der  Reichskanzler  erklärte,  er  könne  sich  nicht  überzeugen,
daß  die  Reform  des  preußischen  Wahlrechts  unmittelbar  vorzunehmen  sei.
Er  scheint  nicht  gefühlt  zu  haben,  daß  diese  Erklärung  wie  Peitschenhiebe
ins  Gesicht  der  breiten  Massen  wirken  mußte.  (Der  Präsident  rügt  den
Ausdruck.)  Der  Reichskanzler  glaubt  einen  Wechsel  auf  die  Zukunft  ausstellen
  zu  können,  während  die  Ansprüche  doch  längst  fällig  geworden  sind.
Welche  Sicherheit  bietet  denn  solch  Zukunftswechsel?  Hat  jemand  Bürgschaft,
  daß  der  Reichskanzler  auch  nach  dem  Kriege  noch  auf  seinem  Platze
sein  wird?  Sein  Nachfolger  ist  durch  seine  unbestimmten  Redewendungen
nicht  gebunden.  Und  worauf  lautet  denn  der  Wechsel?  Der  Reichskanzler
wird  mir  nicht  widersprechen,  wenn  ich  behaupte,  daß  die  Vorarbeiten  für
eine  preußische  Wahlrechtsreform  keineswegs  auf  ein  gleiches  Wahlrecht
hinausgehen.  Es  handelt  sich  vielmehr  darum,  auszuklügeln,  wie  man  den
Arbeitern  zwar  etwas  mehr  politische  Rechte  gewähren  könne  und  doch  das
Wahlrecht  so  einrichten  könne,  daß  der  Einfluß  der  Arbeiter  ein  beschränkter
bleibt.  Wenn  die  Arbeiter  aus  dem  Felde  zurückkehren,  wird  sich  unter
ihnen  eine  Empörung  erheben,  von  der  die  Herren  sich  gar  keine  Vorstellung
  machen.  Ich  denke  nicht  daran,  mit  einer  Revolution  zu  drohen.
Zu  Kriegsbeginn  freilich  sprachen  konservative  Männer  ohne  jedes  Entsetzen
vor  Revolutionen  von  solchen  in  Irland,  Rußland,  Frankreich,  Indien.  Auch
die  Alldeutschen  spielten  mit  dem  Gedanken  einer  Revolution  in  Deutschland.
  Wir  erstreben  jederzeit  das  Beste  für  unser  Volk  und  für  die  anderen
  Völker  und  betrachten  die  Bezeichnung  als  vaterlandslose  Gesellen,
die  uns  das  einträgt,  als  Ehrentitel.  Als  Grund  für  seine  Weigerung,  das
preußische  Wahlrecht  in  Angriff  zu  nehmen,  sagte  der  Kanzler:  Soll  ich
einen  Wahlkampf  hervorrufen,  wenn  der  Wähler  draußen  im  Schützengraben
ist.  Welch  ein  Verlegenheitseinwand!  Etwas  ganz  anderes  als  der  Wahlkampf
  ist  das  Gesetz  für  ein  neues  Wahlrecht  und  jeder  Soldat  wird  froh
sein,  wenn  er  bei  der  Rückkehr  hier  ein  besseres  Wahlrecht  findet.  Das
Argument,  im  Kriege  geht  es  nicht  zu  machen,  ist  längst  widerlegt.  Reaktionäre
  Forderungen  werden  durchgesetzt.  Die  Reform  der  Polengesetzgebung
ist  angekündigt,  freilich  kommt  sie,  weil  die  politischen  Zustände  dazu
drängen.  Es  zeigt  sich  da  schon  der  Einfluß  der  russischen  Revolution.
Die  Revolution  bleibt  auch  nicht  ohne  Wirkung  auf  das  preußische  Wahlrecht.
  Das  Gottesgnadentum  hat  einen  Stoß  erhalten,  von  dem  es  sich,
wo  immer  es  noch  nistet,  nicht  erholen  kann.  Es  wäre  kein  Staatsstreich,
wenn  die  Regierung  in  Preußen  ein  neues  Wahlsystem  einführen  würde.
(Lebh.  Hört!  hört!  r.)  Sie  würde  dann  lediglich  das  durch  einen  Staatsstreich
  eingeführte  Gesetz  wieder  aus  der  Welt  schaffen,  sie  würde  ein  historisches
  Unrecht  wieder  gut  machen.  Aber  man  braucht  diesen  Weg  gar  nicht
zu  gehen,  man  kann  von  Reichs  wegen  das  allgemeine,  gleiche,  geheime
Wahlrecht  für  alle  Bundesstaaten  einführen.  Es  ist  ein  Anachronismus,
der  nicht  in  unsere  Zeit  mehr  hineinpaßt.  (Sehr  richtig!  bei  der  Soz.  Arb.)