Volltext : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Zweite Hälfte.

y14  Die  Akademie  Frieprıcn  Wirneıs’s  IV.  (1840-1859).

unsere  Akademie  ist,  sage  ich,  jetzo  thatsächlich  Gelehrten  jeden  Bekenntnisses
  zugänglich:  sie  hat  es  sich  schon  vor  fünf  Jahren  zur  Ehre  gerechnet,
  einen  ausgezeichneten  Mann  mosaischer  Religion  zu  ihrem  ordentlichen
  Miteliede  zu  wählen,  ein  Beweis,  dass  sie  auch  in  den  Ansichten,
welche  das  Zeitalter  bewegen,  etwas  weiter  vorgeschritten  ist,  als  Manclıe
glauben  machen  wollen.  Jch  kann  es  also  auch  der  Entscheidung  eines
Jeden  anheimstellen,  ob  jene  von  Leisxiz  beliebte  Verbindung  zu  seinen
glücklichen  Vermittelungsversuchen  zu  rechnen  oder  eine  unter  Umständen
  gefährliche  Vermengung  verschiedenartiger  Gebiete  und  Standpunkte
sei,  und  ob  Frıirvrich  der  Grosse  und  der  Präsident  Matprertviıs  oder
Leiesız,  für  die  Sache  selbst  und  ohne  Rücksicht  auf  besondere  Verhältnisse,
  das  Richtigere  getroffen  habe.  Sollte  es  aber  Jemand  unpassend
finden,  wenn  ich  einmal  eine  Seite  des  wundervollen  Gegenstandes  herausgekehrt
  habe,  die  uns  minder  anspricht,  so  ...  finde  ich  es  anständiger
selber  zu  denken.  als  immer  nur  das  unbedingte  Lob  des  grossen  Meisters
zu  verkünden.  Ich  kann  und  will  es  nicht  verhehlen,  dass
meine  Ansichten  in  dieser  Beziehung  mit  denen  des  grossen
Königs  übereinstimmen,  und  ich  habe  mich  bereits  bei  anderer  Gelegenheit
  dahin  erklärt.  "wie  mir  scheine,  biete  die  Akademie  einen  bequemen
  Boden  für  die  Philosophie,  weil  diese  der  vollen  Freiheit  des
Erkennens  bedürfe,  nirgends  aber  weniger  als  an  dieser  Stelle  gefordert
werde,  das  Philosophiren  solle  sich  vorherbestimmten  Vorstellungen  anbequemen;
  denn  die  Akademie  sei  nach  ihren  Gesetzen,  dem  Palladiuın
ihres  Daseins,  den  allgemeinen  Wissenschaften  ohne  besonderen  Lehrzweck
gewidmet,  und  am  wenigsten  könne  die  Philosophie  hier  als  eine  Hültswissenschaft
  der  Theologie  angesehen  werden,  welche  mehr  als  irgend
ein  praktischer  Lehrzweig  seit  lange  der  Akademie  fremd  gewesen;  aın
wenigsten  könne  hier  davon  die  Rede  sein,  nach  der  Richtschnur  positiver
  Dogmen  zu  philosophiren’.  Diese  und  die  ganze  wissenschaftliche
Freiheit  nimmt  die  Akademie  für  sich  in  Anspruch,  und  sie  ist  ihr,  soweit
  ich  aus  eigener  Erfahrung  darüber  urtheilen  kann.  weder  jemals  bestritten,
  noch  jemals  von  ihr  preisgegeben  worden.«

Diese  Sprache  war  hinreichend  deutlich.  Der  Secretar  der  Akalemie
  erklärte,  dass  er  in  Bezug  auf  die  Freiheit  der  Wissenschaft
an  den  Grundsätzen  Frırpricn's  des  Grossen  unverbrüchlich  festhalte,
  also  auch  mit  Raıvner  in  der  Abwehr  reactionärer  Bestrebungen,
  welche  die  Wissenschaft  in  Fesseln  schlagen  wollen,  einig  sei;
er  erklärte  aber  auch,  dass  die  Akademie  jene  Grundsätze  niemals
preisgegeben  habe.

Dennoch  beruhigte  sich  die  öffentliche  Meinung  nicht:  RAUMER
blieb  ihr  Held,  und  die  Akademie  galt  als  servil.  Man  verlangte  nun
auch,  sie  solle  alle  ilıre  Sitzungen  öffentlich  abhalten.  So  laut  wurde
diese  Forderung  in  der  Presse  geltend  gemacht,  dass  sich  Encke
in  seiner  Festrede  am  21.  October!  veranlasst  sah,  die  Frage  der
Öffentlichkeit  der  Sitzungen  zum  Gegenstande  seiner  Betrachtungen

!  Monatsberichte  1847  S.  386  f.