Metadaten : Reichstag und Heer.

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den  Klerus,  so  gelangen  sie  leicht  dazu,  Staat  und  Vaterland  in
die  zweite  Linie  zu  stellen.  —)

Durch  die  konfessionelle  Spaltung  empfängt  in  Deutschland
das  Parteiwesen  vielfach  eine  eigenthümliche  Gestaltung,  welche  die
Schwierigkeit  seiner  Behandlung  vermehrt.  Was  aber  dem
deutschen  Parteiwesen  seinen  besonderen  Charakter  aufprägt,  das
ist  zuerst  das  dem  Deutschen  stets  eigen  gewesene  Kleben  an
abstrakten  Theorien,  an  der  oder  jener  Doktrin  und  damit
verbunden  der  alte  Hang  zur  Nörgelei,  zur  Querelle,  zur  Rechthaberei,
  der  früher  so  oft  mit  der  Faust  ausgefochten  wurde;
sodann  aber  eingewurzelte,  unausrottbare  Antipathien,  die  immer
noch  in  den  radikalen  Parteien  eine  große  Rolle  spielen  und  ihre
Stellung  zu  den  Heeresfragen  entschieden  beeinflussen.  Hierzu
kommen  nun  noch  die  partikularistischen  Strömungen,  die  sich
leider  im  Frieden  immer  wieder  finden  und  von  einer  gewissenlosen
Hetzpresse  genährt  werden.  Alle  diese  Momente  erzeugen  vielfach
ein  Parteiwesen,  eine  Denkungsart  und  Anschauung,  die  treffend
mit  Fraktionszopf  bezeichnet  werden  könnte.

Daß  sich  die  Niederschläge  jener  Uebelstände  am  meisten  in
den  Parlamentsfraktionen  krystallisiren,  ist  natürlich.  Eine  gewisse
Parteidisziplin  muß  ja  in  denselben  obwalten,  aber  nur  zu  oft
nimmt  hier  neben  der  Befähigung  zur  Leitung  die  Herrschsucht
und  Eitelkeit  einen  gewaltigen  Platz  ein.  Der  Fraktionsführer
will  zeigen,  daß  die  von  ihm  verfochtenen  Grundsätze  die  einzig
richtigen  sind,  er  will  etwa  früher  erlittene  Niederlagen  wieder
gut  machen,  er  will  persönlich  Lorbeern  ernten,  und  so  hat  es
sich  oft  ereignet,  daß  die  Fraktion  in  eine  Richtung  gedrängt
wird,  welcher  zum  mindesten  ein  Theil  der  Mitglieder  widerstrebt.  —

So  kommt  denn  oft  unbewußt  das  Ergebniß  zu  Stande,
daß  die  Fraktionsinteressen  über  die  des  Vaterlandes  hinauswachsen,
daß  das  Gefühl  für  gerechte  Schätzung  anderer  Bestrebungen  verschwindet,
  daß  Lüge  und  Verleumdung  einen  immer  größeren
Platz  einnehmen  und  die  gegenseitige  Erbitterung  immer  schärfere
Kampfmittel  zeitigt.  Unter  solchen  Kämpfen  muß  die  Staatsund
  Vaterlandsidee  erblassen,  die  Doktrinen  und  Interessen  der
Fraktionen  nehmen  in  Gedanken  und  Trachten  der  Bürger  die
Plätze  jener  hehren  Begriffe  ein  und  —  daß  die  Folgen  solcher
Verirrungen  eines  Volkes  nie  ausbleiben,  lehrt  uns  die  Geschichte.

*)  Bei  der  sozialdemokratischen  Partei  geschieht  dies  bewußt  zu
Gunsten  ihrer  Theorien.