Volltext : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

122  Bismarck

den  großen  Sieg  der  Preußen  geradezu  verblüfft,  ein  derartiges
Versagen  der  österreichischen  Armee  hatte  niemand  erwartet,  die
Schnelligkeit  der  preußischen  Truppen  brachte  ihn  um  das  Amt
eines  entscheidenden  Schiedsrichters,  die  Schnelligkeit  der  preußischen
  Diplomatie  brachte  ihn  jetzt  um  die  Möglichkeit,  seine  Entschädigungs=
  oder  Entlohnungsansprüche  als  Friedensbedingung
aufzustellen.  Diese  Waffenstillstandsberhandlungen  im  mährischen
Schlosse  Nikolsburg  im  dritten  Julidrittel  1866  zeigen  die  staatsmännische
  Kunst  Bismarcks  im  hellsten  Lichte.  Während  sein  König
an  eine  volle  militärische  Ausnützung  des  Sieges  denkt,  Österreich
und  seine  österreichischen  Verbündeten  demütigen  will,  abgesehen  von
Hannover,  Kurhessen,  Nassau,  Schleswig-Holstein,  Frankfurt,  die
dann  tatsächlich  Preußens  Siegespreis  geworden  sind,  auch  Sachsen,
Teile  von  Süddeutschland,  vor  allem  von  Böhmen  annektieren  will,
stemmt  sich  Bismarck  mit  aller  Macht  gegen  eine  solche  Verschärfung
der  Lage,  die  Süddeutschland  und  Osterreich  auf  Jahre  hinaus  zu
unversöhnlichen  Gegnern  gemacht  hätte.  Er  begnügt  sich  damit,
Osterreichs  Austritt  aus  Deutschland  zu  veranlassen,  Norddeutschland
  der  Führung  Preußens  zu  unterwerfen,  für  Süddeutschland
ebenfalls  irgendeine  staatsrechtliche  Verbindung  ins  Auge  zu  fassen,
um  mit  dieser  und  Österreich  ein  möglichst  freundschaftliches  Verhältnis
  anbahnen  zu  können.  Der  Gegensatz  zwischen  König  Wilhelm
  und  Bismarck  kommt  in  der  schärfsten  Weise  zum  Ausdruck;
Bismarck  droht  mit  dem  Rücktritte,  der  König,  auch  beeinflußt  durch
den  Kronprinzen,  gibt  endlich  nach;  sein  ganzer  Groll  drückt  sich  aus
in  den  Worten,  die  er  damals  an  den  Rand  eines  Aktenstückes  schrieb:
„Nachdem  mein  Ministerpräsident  mich  vor  dem  Feinde  im  Stiche
läßt  und  ich  hier  außerstande  bin,  ihn  zu  ersetzen,  habe  ich  die  Frage
mit  meinem  Sohne  erörtert,  und  da  sich  derselbe  der  Auffassung
des  Ministerpräsidenten  angeschlossen  hat,  sehe  ich  mich  zu  meinem
Schmerze  gezwungen,  nach  so  glänzenden  Siegen  der  Armee  in  diesen
  sauren  Apfel  zu  beißen  und  einen  so  schmachvollen  Frieden  anzunehmen!“
  Dieser  „schmachvolle  Friede“  wurde  am  23.  August  in
Prag  abgeschlossen,  er  brachte  Preußen  die  erwähnte  große  Gebietsvergrößerung,
  von  seiten  Österreichs  eine  geringfügige  Zahlung,
Sachsen  blieb  unberührt,  Bayern  und  Württemberg  kamen  mit  unbedeutenden
  Grenzregulierungen  davon.  Aber  die  Hauptsache  war,
daß  Osterreichs  Zusammengehörigkeit  zu  Deutschland  gelöst,  Norddeutschland
  unter  Preußens  Führung  in  einem  Norddeutschen  Bund
zusammengefaßt  wurde,  die  süddeutschen  Armeen  durch  geheime  Kon-