Kriegsberichte: Hindenburgfront
darüber hinaus. Die Kavallerie erbeutet auf der
Straße nach Janischki-Mitau Maschinengewehre,
Munitionswagen und Bagagen. Sie zerstört die
Bahnen südwestlich und nordwestlich von Schawli.
Der nächste Tag bringt Nachrichten, wonach der Feind
von Kowno her Truppen schickt, um unsere rechte
Flanke zu bedrohen. Die Infanterie wird daher an-
gehalten und nach rechts verschoben mit der Weisung,
die Dubissalinie zu halten; die Kavallerie greift
jedoch immer weiter vor. Sie besetzt nach Gefechten
Janischki und Schagori, die nur noch sechs Meilen
von Mitan entfernt liegen, und nimmt Gefangene,
Maschinengewehre und Bagagen des in voller Auf-
lösung nach Mitau flüchtenden Feindes. Am 2. Mai
kreist sie die im Zwischenraum noch stehengebliebe-
nen Russen bei Skaisgiry ein und macht 1000 Ge-
fangene. Umfangreiche Bahnzerstörungen an allen
erreichbaren Linien gelingen nach Wunsch. Dann
wird die Kavallerie der rechten Kolonne zurückgenom-
men, um den Gegenstoß an der Dubissa zu unter-
stützen, die der linken aber stößt, obwohl schon das
Eintreffen russischer Verstärkungen in Mitau gemel-
det wird, über Grünhof vorwärts, nimmt noch 2000
Russen gefangen und steht am 3. Mai mit Teilen
2 km vor Mitan.
Die außerordentlichen Marschleistungen der In-
fanterie wie der Kavallerie sind um so höher zu be-
werten, als die Wege in denkbar schlechtestem Zustand,
die Flüßübergänge vielfach zerstört und die Russen
keineswegs überall ohne Kampfkraft waren. Nun stellte
die Abwehr des russischen Borstoßes gegen unsere
rechte Flanke neue hohe Anforderungen an die Aus-
dauer der Truppen. Eine umfassende Gegenoffensive
an der Dubissa bewies, dem Feinde, wie sehr er die
Stärke der deutschen Truppen unterschätzt hatte. Erst
allmählich erholte er sich von der überraschung und
schaffte neue Infanterie-, Kavallerie= und Artillerie-
massen heran. — Zu gleicher Zeit aber erlebten die
Russen noch eine besondere überraschung, auf die sie
allem Anschein nach gar nicht gefaßt waren: den Zug
auf Libau. Während unsere Hauptkolonnen in Eil-
märschen auf die obere Dubissa zustrebten, ging eine
Nebenkolonne von Memel her nordwärts etwas lang-
samer vor. Eine Abteilung derselben marschierte
über Schkudy, eine andere nahe am Strande von
Süden her auf Libau vor. Vom Feinde war nicht
viel zu merken. Die Marine hatte ihn schon am 29.
April durch die Beschießung von Libau eingeschüch-
tert. Am 6. Mai sprengte er selbst die Ostforts, dann
brachten unsere Kriegsschiffe auch die Strandbatterien
zum Schweigen. Die Landungstruppen, die an eine
so schwache Verteidigung des großen Hafens nicht
glauben wollten und immer aufeinen Hinterhalt gefaßt
waren, nahmen die Südforts nach kurzem Gefecht und
griffen von der Landseite an. Aber die Russen waren
tatsächlich auf diesen Schlag nicht vorbereitet gewesen.
Sie konnien nur noch in Mitau stärkere Truppen
ausladen und in südwestlicher Richtung vorschicken,
vermochten jedoch unsere langsam nachgebende Linie
nicht zu durchbrechen. Am 8. Mai, 6 Uhr morgens,
zogen die deutschen Soldaten in Libau ein. Etwa
1500 Gefangene, 12 Geschütze und eine Anzahl Ma-
schinengewehre bildeten die Beute. Der frische Wage-
mut fand schönen Lohn. Schnell wurden Abteilungen
zur Sicherung des Platzes um etwa 50 km über Pre-
kuln, über Hasenpot und am Strande vorgeschoben.
Der Einfall in Kurland hat uns nicht nur wirt-
schaftliche Vorteile mannigfacher Art gebracht und
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ein wertvolles Stück Rußlands in die Hand gegeben,
sondern er hat auch militärisch den bedeutenden Er-
folg erzielt, daß der Gegner veranlaßt wurde, starke
Kräfte dorthin zu werfen und dadurch seine Front
an anderen Stellen zu schwächen. — Die Zusammen-
stöße der deutschen und der russischen Kräfte an der
Dubissalinie haben unter vielfachen blutigen Kämpfen
stattgefunden. Dabei sind unsere Truppen allmählich
von der Defensive, die mit starken Gegenstößen ge-
führt wurde, zur Offensive übergegangen.
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Wer den Heldenkampf um die Befreiung und Ver-
teidigung des deutschen Nordostens recht würdigen
will, muß ein besonderes Augenmerk auf die Stelle
richten, wo das südliche Masuren an Westpreu-
sen grenzt. Die Aufmerksamkeit der ganzen Welt
war Kerhed gelenkt, als der General v. Hindenburg
den Russen bei Tannenberg die erste vernichtende
Niederlage beibrachte. Seitdem sind in dieser Ecke
gewaltige Schlachten von weithin klingenden Namen
nicht mehr geschlagen worden; wohl aber haben dort
zahllose schwere Gefechte stattgefunden, die von
unseren Truppen äußerste Spannkraft und Wider-
standsfähigkeit forderten und daher verdienen, ein-
mal in großen Zügen dargestellt zu werden. Die
schwerwiegende Bedeutung eines russischen Einbruchs
auf Osterode - Deutsch-Eylau lehrt ein einziger Blick
auf die Karte: es dreht sich um die Abtrennung des
deutschen Landes rechts der Weichsel vom Reiche.
Das war natürlich nicht nur den Ostpreußen klar,
die immer — solange überhaupt noch eine Gefahr be-
stand — mit mindestens gleicher Sorge nach Süden
wie nach Osten blickten, sondern auch den Russen.
Diese haben für eine Operation auf den Unterlauf
der Weichsel hin günstige Eisenbahnverbindungen.
Die drei bei Ostroleka endenden Bahnstrecken ermög-
lichen dort schnelle Ausladungen großer Truppen-
massen, und die Linie Warschau-Mlawa—-Soldau
führt geradewegs in das Einmarschgebiet hinein.
Darum ist der Besitz Mlawas von so hohem Wert.
Es klingt glaubhaft, daß der russische Oberbefehls-
haber im Februar befohlen haben soll, Mtawa zu
nehmen, koste es, was es wolle.
Als die Narewarmee, die den ersten großen Ein-
bruchsversuch an dieser Stelle unternahm, ihr furcht-
dares Ende zwischen und in den südmasurischen Seen
gefunden hattei, gingen die Russen längere Zeit hin-
durch hier nicht mehr mit starken Kräften vor. Im-
merhin hatten die verhältnismäßig wenigen Truppen
des Generals v. Zastrow, die in breiter Front die
Grenze schützen und während der Vorbereitungen zu
dem zweiten deutschen Einfall in Polen die Ausmecl=
samkeit des Feindes auf sich lenken sollten, eine recht
schwere Aufgabe. Sie drangen weit in Feindesland
ein, mußten vor einem überlegenen Gegner bis an
die Grenze zurückweichen und gingen kurz vor Weih-
nachten wieder vor, um Mtawaendgültig zube-
setzen. Die Front verlief westöstlich, der rechte Flügel
hing also zurück. Da tauchte im Januar bei den Rus-
sen ein »neuer gigantischer Plan« auf: sie wollten
mit großen Kavalleriemassen, gefolgt von starken
Kräften, zwischen Mlawa und der Weichsel nach West-
preußen einbrechen und gleichzeitig von Kowno her
im nördlichen Ostpreußen stehende deutsche Truppen
umfassend angreifen. Der neue Plan war also im
1 Schlacht bei Tannenberg 20.28. August 1911.